Eckehardnyk 18. Dezember NZ 11
17 von 144 – Im Silbernen und im Ehernen Zeitalter
1. Das Neinsagen gehört zum Wortschatz, kaum dass Kinder sprechen können. Das „Goldene Zeitalter“ ist dann vorüber. Wir werden Begrenzungen setzen müssen und Widerspruch bekommen. Die Erinnerungen eines Kindes bekommen schärfere Konturen und beginnen sich auch mit schmerzlichen Ereignissen auseinanderzusetzen.
Jetzt ist es wichtig, dass die goldene Zeit und das Paradies unter den veränderten Bedingungen des älter gewordenen Kleinkindes fortdauern. In die neuen Erfahrungen mischen sich auf diese Weise unerschütterliche Elemente von Lebensmut. Im „Silbernen Zeitalter“ beginnen Neckspielchen die Kooperation deines Kindes zu begleiten. Je mehr du es dabei selbst machen lässt, wozu es Anstalten macht fähig zu sein, desto mehr Zustimmung und Späßchen erlebst du in Harmonie für euch Beide. Es ist ganz einfach: Du hältst ihm ein aufgerolltes Ärmelchen hin und verlockst es beim Anziehen dazu, sein Händchen da hineinzustecken. Wenn du diesen kleinen Appell seiner Selbständigkeit übergehst, wird es hier um eine Spur „dümmer“ gehalten, als es seiner Entwicklung nach ist.
2. Um artgerechte Tierhaltung machen sich die Personen der westlich geprägten Staaten mehr Sorgen als um eine kindergerechte Welt. Dir sind wahrscheinlich Eier von Hühnern, die frei herumspazieren und ihre Körner selber suchen und aufpicken, auch schon sympathischer vorgekommen als solche von Legebatterie und Fließband. Mit den „Produkten“ von Kindern verhält es sich aber analog: Sie sind intelligenter, lebendiger und sympathischer, je mehr eigenständige Erfahrungen darin „verarbeitet“ sein dürfen. Stell eine saubere, flache und glatte Kiste umgekehrt hinter ein Spielgitter, und dein Krabbelkind wird sofort versuchen, daran rauf- und runter zu klettern. Kommt es dann später, wenn es schon gehen kann, an Treppenstufen, wird es auf diese früheren Experimente zurückgreifen und instinktiv wissen, wie es seine Beine, Füße, Hände und den ganzen Leib halten wird, um sicher hinunter- oder hinaufzugelangen. Überrascht oder ängstigt es dich, wenn Kind Kopf voran die Stufen hinunterkriecht? Bleib ruhig und aufmerksam dabei: Es wird sicher unten ankommen, wenn man es seine Positionen finden lässt! Du darfst natürlich aufpassen aber vor allem deine Freude am Gelingen zeigen.
3. Du wirst deinem Kind in dieser halb- bis zweijährigen Epoche etwas Gutes antun, wenn du ansagst, womit ihr in euren gemeinsamen Handlungen beschäftigt seid oder indem du deine Handlungen kommentierst, auch bevor das Kind deine Rede im Einzelnen versteht. Es gewöhnt sich an sinnvolles Handeln, das mit dem Klang deiner Stimme einhergeht und findet sich in die Vorgänge mit eingebettet. Im nächsten Zeitalter, dem „Ehernen“ oder „Bronzenen“, wird dein Kind das dir Gesagte auch in Frage stellen können und protestieren, wenn ihm etwas ungemütlich wird. Es wird sich außerdem bemerkbar machen mit der neu gelernten Befehlsform („Mama, komm mal! Papa, guck mal!“) und wie bereits besprochen, mit Warumsätzchen. Du erkennst diese Phase daran, dass dein Kind jetzt eindeutig Ich zu sich sagt, indem es sich als das einzige Individuum empfindet, das diesen „Namen“ führen darf und mit dem es niemanden anreden kann; das wird mit zwei, in der Regel mit drei Jahren beginnen. Hier kommt auf dich die Herausforderung zu, selbst „ehern“ zu sein, wie eine Bronzestatue, auf der die Kinder herum klettern dürfen, ohne dass du umfällst oder es herunter fällt.
4. Ein Zauber, der uns zu Hilfe kommt, heißt Konsequenz; das andernorts angebrachte Zauberwort bitte sollte nur im Tonfall mitschwingen, wenn es dazu passt. Es geht hier um Macht. Mit Sätzen wie:
„Bitte, würdest du mal so freundlich sein und ordentlich bei Tisch sitzen, wie wir auch?“
erinnern wir unser Kind an sein Goldenes Zeitalter, als Alles, was von ihm kam, als angemessen galt und selbstverständlich anerkannt wurde. Konsequenterweise empfindet es das überraschend und störend, wenn jetzt plötzlich was anders werden soll. Ermahnungen übertönen in der Regel den Frieden. Wenn wir früher zugestimmt haben, warum jetzt diese Änderung? überlegt es freilich unterbewusst und räkelt weiter auf seinem Stuhl, schwappt mit der Tasse und malt mit dem Finger Kakaokringel auf den Esstisch. Doch wir behalten die Regeln, nach denen wir mit größer werdenden Kindern beim Essen sitzen wollen, in der Hand, wenn wir unser Tun immer mit dem dazu gehörigen Klang begleiten und auf seine Entwicklungs- und Einsichtmöglichkeiten Rücksicht nehmen.
5. Du darfst, sollst und musst mächtig sein, soll dein Kind vor Schaden bewahrt werden und den Respekt vor dir behalten! Dieses Respekt gebietende und Ehrfurcht einflößende „Eherne Zeitalter“ ist da, bevor man die Höflichkeit Platz nehmen lässt. Hier geht es darum, Respekt und Ehrfurcht voreinander als etwas Vertrautes und Selbstverständliches zu etablieren. Deine Macht sollte vollständig sein; aber hat das etwas mit Gewalt zu tun? Würde man ein Kind in diesem Alter fragen, wer der Mächtigste auf der Welt sei, würde es antworten: Du! Und dieses Mächtig sein lenkt sogar Stoffwechselfunktionen deines Kindes bis zum Zahnwechsel in die richtigen Bahnen. Du gibst mit der klarsten, wärmsten und best gelaunten Stimme, derer du fähig bist, die Richtung, den Ton, die Lebensweise mit allen Konsequenzen an. Das Kind erfährt auf diesem Weg, dass es auch selbst Respekt erwiesen bekommt, wo immer seine kindliche Macht, über die wir (in Szene 132 von 144) noch sprechen werden, auf seine Bedürfnisse lenkt.
18 von 144 – Im Heroischen Zeitalter
6. Im „Heroischen Zeitalter“ sind neben Fairplay und Umgangsweise auch andere Autoritäten wie Lehrer gefragt. In deinem heranwachsenden Kind spielt sich das zwischen Zahnwechsel und Pubertät ab. Die vorangehenden Lebensphasen sind auch jetzt mit ihren tragenden (oder tragischen) Errungenschaften anwesend. Sie bilden um dein Kind herum getarnte Hüllen, quasi Informationsdateien, die ihm das Format für sein Leben in der menschlichen Gemeinschaft garantieren.1 Bevor wir weiter nachdenken (ohne Anspruch auf Vollkommenheit oder medizinische Korrektheit zu reklamieren): Die wichtigsten erwünschten Eigenschaften, die ein Kind in den ersten vier Zeitaltern ausbilden sollte, in Kürze:
6.1. Aus dem „Paradies“ (Stillzeit): Urvertrauen, Eins- und Alles-Sein, Bindungs- und Liebesfähigkeit.
6.2. Aus dem „Goldenen Zeitalter“ (bis zum selbständigen Sitzen): Mut, Treue und Sicherheit.
6.3. Aus dem „Silbernen“ (bis etwa vier Jahre): Kooperation, Selbständigkeit, Rede, freier Gang, Ehrfurcht und Humor, Machtgefühl, Selbstbehauptungswille, Fantasie, „Intelligenz“.
6.4. Aus dem „Ehernen oder Bronzenen Zeitalter“ (bis zum Zahnwechsel): Schlagfertigkeit, Fleiß, Geschicklichkeit, Schönheitssinn und Musikalität, „Verständnis“.
6.5. Aus dem „Eisernen“ kommen hinzu: Umgang mit Macht, Liebe, Beziehung, Verantwortung und die „Welt wie wir sie kennen“.
7. Im Falle einer Verletzung der frühen vier Kindheitsepochen finden wir, mitunter erst im späteren Leben manifest werdend, Verhaltensanomalien (in schwereren Fällen Persönlichkeitsstörungen und neurotische Krankheitsbilder). Die Regel könnte so lauten: Je früher eine Verletzung geschehen ist, desto hartnäckiger ist sie im Charakter der Seele verankert und schließlich im Körper manifestiert. Je später indes eine Störung auftritt, desto heftiger stiftet sie emotionale Verwirrung und verbündet sich mit Lastern. (Die folgende Gegenüberstellung stellt eine Annäherung an dieses höchst komplexe Gebiet dar, das weiterer Erforschung, insbesondere auch durch Kommentar aus dem Leserkreises der lebendigen Bereicherung bedarf):
7.1. Vertrieben aus dem „Paradies“: Autismus, Bindungsstörungen wie Angst vor Nähe und Liebe, Abhängigkeit von Suchtmitteln.
7.2. Aus der „Goldenen“ Zeit: Angepasstheit, Duckmäusertum, Null-Bock-Stimmung und andauerndes Pech mit Schuldzuweisung an Eltern und „Umwelt“.
7.3. Versäumnisse in der „Silbernen“ Zeit verursachen mitunter Mangel an Vorstellungskraft, Ohnmachtsgefühle, Panikattacken, Masochismus, Aufmerksamkeitsstörungen, Intriganz und hyperkinetische Syndrome, was man früher auch bei Kindern „Nervosität“ nannte.
7.4. Verletzungen in der „Ehernen“ Zeit erzeugen Mangel an Format, Neigung zu Sadismus, Neid, Eifersucht, Hass, Querulantentum, Anorexie (Magersucht) Bulimie (Fress-Sucht) und erhebliche Machtkämpfe mit Eltern und Geschwistern. Es lässt sich auch beobachten:
Die Versäumnisse oder Verletzungen der vorhergegangenen Epoche treten meist schon in der nächsten als unliebsame Mängel hervor. In dem Fall ließe sich noch während der Kindheit dagegen steuern.
7.5. Im „Eisernen Zeitalter“ der Jugend werden, so erscheint es mir, die vorher erworbenen Tüchtigkeiten oder ihre Kehrseite durch den Hochofen der Jugend gejagt und geläutert, wobei sie entweder sich erhärten und für das kommende Leben geniale Voraussetzungen sind, oder verbrennen, was gegen kindliche Fehlentwicklungen von Vorteil sein kann, oder, was in den meisten Fällen geschieht, ein leidlich angepasstes Dasein ermöglicht.
8. In Anlehnung an die alten Griechen spreche ich vom „Heroischen“ Zeitalter bezogen auf die Periode, die in der Psychoanalyse „Latenz“ genannt wird, und die in der Pädagogik von Rudolf Steiner die Epoche zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife (Pubertät) umfasst. Ein Heros war einer jener Helden, die mit Achill und Odysseus vor Troja kämpften, mit Jason das Goldene Vlies eroberten oder wie Herakles die zwölf übermenschlichen Taten verrichteten, wie zum Beispiel den berüchtigten Stall des Augias auszumisten; „Kids“ wie David und Parzival besiegten menschliche Kampfmaschinen. Bei all diesen Taten spielte außer Kraft eine gedankliche Originalität, mit der zu Werke gegangen wurde, eine erhebliche, ja die entscheidende Rolle: Troja wurde durch die List des Odysseus mit dem Trojanischen Pferd bezwungen; Jason gelang es, die Tochter des gegnerischen Königs als Geliebte für sich zu gewinnen; Herakles lenkte einen ganzen Fluss in die Stallungen des Augias, David erlegte den Riesen Goliath durch geschickten Umgang mit seiner Steinschleuder und ebenso Parzival, den roten Ritter mit seinem Jagdspieß, den er unbedenklich in den Sehschlitz von dessen Eisenhelm schoss.
9. Für dein Kind sind Vorbilder und Autoritäten in dieser Zeit von größter Bedeutung. Es schlüpft in die Haut seiner Helden und probiert sich mehr oder weniger bewusst in deren Daseinsweise aus, indem es beispielsweise einen Lehrer oder eine Lehrerin wegen deren überlegener, eleganter und ökonomischer Art, mit Wissen und Können umzugehen, liebt. Über diese Vorbilder hinaus freut sich das Kind an der Schönheit und erhebt sich selbst gern zu Höhen des Daseins, die es ganz bescheidenen Anlässen verdankt. Manches träumt davon, auf einer Wolke vor Anker zu gehen und wie ein fliegender Nils Holgersson die Städte und Länder der Erde zu bereisen. In Ehrfurcht vor dem Können Anderer, in Anerkennung für Tapferkeit, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Blutsbrüderschaft und Wir-Gefühl – im Lernen dieser Tugenden übt sich dein Kind in dieser Zeit, wenn es Gelegenheit findet.
10. Natürlich werden auch „technische“ Fertigkeiten ausgebildet und der eigene oder ein anderer Leib erregt die Fantasie und weckt genitale, taktile oder sportliche Abenteuerlust unter seinesgleichen, bevor der „Zwang zu Liebe und Professionalität“ einsetzen. Auch Authentizität, Originalität und Solidarität werden gesucht, entdeckt und ausgelotet. Werte haben ihre Gültigkeit zu beweisen (deshalb auch die Schwäche für die moderne Form des Wappens: Logo und Label; womit man sich zeigt, muss anerkannt sein, und die Marke garantiere bitteschön Echtheit.) Feiges und verräterisches Benehmen werden von Kindern dieser Epoche gnadenlos an den Pranger gestellt und verurteilt.
19 von 144 – Eisernes Zeitalter
11. Auch „Zeitalter des Alleinseins, der Vergeltung, der explodierenden und implodierenden Kräfte des Zorns aber doch – der Liebe“ könnte als Überschrift stehen. Im „Eisernen Zeitalter“, das mit der Pubertät im Wesentlichen anhebt, werden die Kräfte mit Kameraden oder Kollegen, überhaupt mit allen Mitmenschen gemessen. Erst jetzt beginnt naturgemäß die Macht eines heranwachsenden Menschen über seine eigene Person hinauszuwachsen. Damit ist aber auch das Übernehmen von Verantwortung für Andere oder Projekte möglich. Manche Völker ließen ihre Könige bereits mit vierzehn oder sechzehn Jahren volljährig sein. Bei Naturvölkern wird der jugendliche Mensch durch Einweihungsrituale einerseits in die Welt der Väter oder des Mannes andrerseits in die der Mütter oder des Weibes aufgenommen. Bei uns erinnert die „Konfirmation“ an solche Vorgänge, die sich aber eher im Inneren eines Menschen abspielen. Zum ersten Mal spürt ein junger Mensch, dass er allein ist und die Auseinandersetzung um seinen Platz in der Welt selbst führen muss. Der andere Mensch wird zum Freund oder Gegner, zum Geliebten, Gehassten, dem auch mit „Gleichgültigkeit“ begegnet wird. Freund oder Feind – das Urteil darüber ergeht rasch. Die Schiffe zurück in die Kindheit sind verbrannt! Das bedeutet, alle bisher errungenen oder vernachlässigten Tugenden und Fähigkeiten bieten sich als persönliche Helfer an, während sich Laster und Dummheit als Hindernisse in den Weg stellen.
12. In zahlreichen Märchen gibt es Beispiele dafür: Irgendwo am Wegrand sitzt da ein graues Männlein oder Weiblein und bittet um ein Stück Brot. Der oder die Hochmütige geht vorbei, wogegen „jüngerer Bruder“ oder „jüngere Schwester“ den letzten Brocken hingibt und zum Dank einen scheinbar belanglosen Gegenstand erwirbt, einen Ring, eine Maus oder eine Nuss. Später, wenn die Not für das „Jüngste“ am größten ist, kommt mit dieser Gabe etwas zu Hilfe, beschenkt es mit Tarnkappe, Sternenkleid oder einer übernatürlichen Fähigkeit, was darauf hinweist, dass der wahre Held einer ist, der über sich hinauswächst.
Es ist bezeichnend, dass diese Gaben wie bei Dornröschen oder Schneewittchen auf dem Weg in die Welt (oder „Unterwelt“ wie bei Frau Holle) als Errungenschaften des Abenteuers Erziehung im Bündnis mit ihren Erwachsenen von Kindern erlangt, erarbeitet und erwartet werden müssen.
© eah 2012 und 18. Dezember 2023
1)Siehe unsere Szenen 16, 74, 135 und insbesondere Szene 93
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Oh, ich kann nicht läiken.
Ich habe mir Zeit gegeben und bin in Muße geschwelgt bei der Lektüre. Summa cum laude, Ecki.
Danke!
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sehr gute Beschreibung.
Kenne die Entwicklungschritte nach Rudolf Steiner für die Jahrsiebte.
Leider wissen das nur wenige Eltern und Lehrer im System gar nicht.
Lehrer in der Waldorfschule immer weniger.
Danke lieber Ecky für deine Beiträge.
Wünsche dir schöne Festtage.
Auf ein Neues im neuen Jahr.
Erwecken wir die Bewussteinsseele, in deren Zeialter wir uns befinden.
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