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Wo bin ich?

Habe in einem alten Buch, das mir – wohl aus dem Nachlaß eines dahingegangenen kleinstädtischen Mitmenschen – beim antiquarischen Stöbern in die Hand fiel, einen Zettel gefunden, auf dem sich dieser Gedanken gemacht hatte über sein Dasein.
Dies will ich euch, nach geringfügiger redaktioneller Annäherung an gültige Recht-Schreibregeln, nicht vorenthalten.
Luckyhans, 4. Juni 2016
———————————

Wo Bin Ich?

Bin ich mein Leib, mein Körper? – Nie!
Nur Rackern, Schaffen und Chemie?
Mein Leib verändert sich – und wie!
Was nicht nur sichtbar werden könnt‘,
wenn Zeichnung oder Photographie
alljährlich darzustellen wär vergönnt.

Auch ist bekannt von der Medizin,
daß alle Zellen stetig sich erneuern,
kaum sieben Jahre gehen hin –
schon ist gar keine mehr wie heuer,
der Leib zur Gänze ausgetauscht –
ist’s meiner noch, in dem’s so rauscht?

Wo ist mein Geist der ruhelose,
Gedanken, Wissen, Kenntnis gar?
Verbleibt dies in des Lebens Tosen
mal unverändert manches Jahr?

Auch dies in stetiger Verwandlung,
ergänzt und neu organisiert.
Frisch angewandt in jeder Handlung
gesammelt Weisheit ungeniert,
zum Nutz und Frommen aller, wie der Seinen,
ist rechte Lebensart, so mag man meinen.

Gedanken klug, und spät – man meinet – weise,
sie ändern täglich sich auf unsrer Reise.
So Geist und Ungeist kämpfen heftig,
erst später wird man dann bedächtig.
Was davon kann ich wann berechtigt
denn heißen „meins“ zumal geschäftig?

Und gar die Seele, das Gewissen?
Das tief Gefühl? Das Ruhekissen?
Es wär ja schlimm, wenn da sich gar
nichts ändern würde manches Jahr.
Ob dann des Lebens wahrer Sinn
nicht wäre damit zu entzweien?
Denn grad die Seele will doch hin
und weiter wachsen und gedeihen.

Wenn auch von Anfang an gewiß
das Gewissen ganz gefügt schon ist,
und kaum sich viel noch weitet gar
und uns doch leitet manches Jahr.
Unsrer Gefühle Schwang und Weben
erzeugt viel Unruh hier im Leben,
verändert sich jedoch sehr wohl;
die Liebe kommt und – wird doch hohl,
nur unser Eheweib das bleibt
bis es (oder uns) die Zeit vertreibt.

Die Kinder – anfangs lieb und nett,
sie werden mit der Zeit so eigen
und trotzig – oft sind sie dann weg
wenn wir gelangen an des Lebens Neige.
Sie sind uns viele Jahre Lust,
jedoch verlassen sie uns dann,
um viele Jahre später oder wann
zurückzukehren an die welke Brust.

Was bleibt mir da noch zugereichen,
das mich berechtigt wirklich nun,
als dauerhaft anwesend zu bezeichnen
mich als den Menschen und mein Tun,
wenn alles ist nicht mehr das Gleiche?

(Verfasser unbekannt)

.

.


1 Kommentar

  1. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

    Gefällt mir

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