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Erwins Badezimmer / Die Vor – Zeit 4

Wir erfahren etwas darüber, wie verschiedene Denkweisen entstehen, wie sie parellel existieren oder sich gegenseitig unterdrücken und auslöschen können.

Seitenhieb, nebenbei: Etliche heutige Journalisten, Akademiker und Volksredner sollten vielleicht mal ein Jahr bei den Hadubaldisten Zeitformen lernen.

thom ram, 28.01.2015

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Erwins Badezimmer 4

Autor: Hans Bemmann.

Zum Anfang hier.

Wahrscheinlich hätte ich überhaupt nicht gewußt, wo ich anfangen sollte, und so war es ein Glück, daß ich mich auf dieses Abenteuer vor allem deshalb eingelassen hatte, um Ihre Frage zu beantworten.
Erwin nannte mir die einschlägigen Werke, in denen ich Informationen dazu finden konnte, und seither habe ich jede freie Minute in seinem Badezimmer verbracht, um mich in die Vorgeschichte der sogenannten Sprachwirren zu vertiefen, die ihren Abschluß in der Großen Nationalen Sprachreinigung gefunden haben.
Ich glaube, Sie können sich kaum vorstellen, verehrte Frau Doktor, was die Begegnung mit diesen alten Schriften für mich bedeutet hat. Dabei war es jedoch nicht nur der mir völlig unvertraute Inhalt dieser Dokumente, der mich in die Situation eines Entdeckers fremder Welten, ja eines über alle Maßen fündig gewordenen Schatzgräbers versetzte; fast noch mehr faszinierte mich die Sprache selbst, in der viele dieser Texte abgefaßt waren. Alles, was ich bislang gelesen oder gehört hatte, erschien mir flach und ohne Tiefendimension gegenüber der Art, wie hier Sprache benutzt wurde, um Gedanken miteinander in Beziehung zu setzen oder Vorgänge in ihrer Zeitfolge oder ursächlichen Verknüpfung zu beschreiben.
Ich erkannte mehr und mehr, daß Sprache  durchaus nicht so eindeutig ist, wie man uns bisher von der Grundschule an bis hinauf zu den Seminaren der Universität beizubringen versucht hatte (Eindeutigkeit ist bei uns ja so etwas wie eine Staatsideologie!).
Bei der Lektüre dieser alten Schriften begann ich zu begreifen, daß Sprache gerade dazu dienen kann, die Vieldeutigkeit aller Dinge ins Bewußtsein zu heben. Mir war bei dieser Erfahrung zumute, als würde ich aus einem in endlos viele enge, fensterlose Einzelzellen aufgeteilten Gefängnis in eine Freiheit entlassen, in der ich nach Belieben spazierengehen und mich daran freuen konnte, wie alles mit allem in Beziehung gebracht werden konnte – ein fast berauschendes Gefühl, wenn es nicht um eine so nüchterne und klare Sache ginge wie eben die Sprache.
Während ich meinen Brief bis zu dieser Stelle noch einmal überlese, wird mir bewußt, daß diese Art, Sprache zu handhaben, bereits (und vielleicht zu Ihrem Befremden) stark auf meinen eigenen Stil abgefärbt hat, wenn mir auch allzu deutlich bewußt ist, daß ich noch weit davon entfernt bin, mich aus den Niederungen meiner bisher durch eine spröde, definitorische Amtssprache geprägten Diktion zu der freischwebenden Sprachequilibristik zu erheben, deren stupende Meisterschaft man in manchen Texten der VorLiteratur nur bestaunen kann. Immerhin hat sich mein Tempus gebrauch schon dermaßen differenziert, daß ich achtgeben muß, in der Öffentlichkeit nicht als Hadubaldianer denunziert zu werden (ich würde heute allerdings dieses für seine gegenwärtigen Benutzer sinnentleerte Schimpfwort eher als Ehrennamen empfinden!).
Diesem schon allzu langen Brief füge ich nun auch noch den Versuch eines Essays über die Vorgeschichte der Sprachwirren bei, um Ihre erste Neugierde zu stillen. Ich wiege mich in der Hoffnung, mit diesem Text, der zugegebenermaßen noch vieles offen läßt, bei Ihnen gleich wieder ein halbes Dutzend Fragen zu provozieren, die mir das Vergnügen verschaffen, recht bald wieder von Ihnen zu hören.
Ihr sehr ergebener
Albert S.
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Aufzeichnungen über die Vorgeschichte der Sprachwirren
Als Hadubald der Scharfsinnige anfing zu denken, so berichten die alten Geschichten, fand er eine Sprache vor, die seinen Absichten nicht genügte. Er entstammte einem Volk, dessen Vorstellungen geprägt waren von jahrhundertelanger Beschäftigung mit Ackerbau und Viehzucht. Die damit verknüpften Tätigkeiten erforderten zwar einen gewissen Begriff von Zeitabläufen, etwa im Hinblick auf den Wechsel der Jahreszeiten oder die Zeitpunkte der Paarungsbereitschaft von Tieren und die Dauer ihrer

Trächtigkeit -, solche Umstände waren jedoch in den gleichlaufenden Rhythmus des Lebens derart eingebettet, daß diese nicht eigentlich als ein zeitliches Nacheinander, sondern als ein ständig gegenwärtiger, in sich kreisender Vorgang empfunden wurden. Aus diesem Grunde kannte Hadubalds Volk nur zwei Zeitformen:
I. die gewöhnliche, in der alles ausgesagt wurde, was das tägliche Leben betraf;
2. die erhabene, in der die mythischen Berichte vom Beginn der Welt und über die bemerkenswerten Taten der Vorfahren gesprochen (oder auch gesungen) wurden.
Hadubald der Scharfsinnige hatte jedoch den Entschluß gefaßt, über die Zeit nachzudenken, und deshalb mußte er sprachliche Mittel finden, Zeit zu beschreiben. Auf seinen Reisen in andere Länder hatte er die Sprache des Alten Volkes kennengelernt, das früher jenseits der hohen Berge gewohnt hatte. Dieses Volk war schon lange ausgestorben, hatte jedoch Schriften von so außerordentlichem Scharfsinn hinterlassen, wie er unter Hadubalds Leuten bislang nicht vorzufinden war.

Was er am meisten an diesen Texten bewundert hatte, war das streng logisch aufgebaute System von Lautveränderungen und -Zusätzen, mit deren Hilfe man jedes Verbum in alle nur denkbaren Zeitbezüge setzen konnte. Dieses System erlaubte es, Dinge auszusagen, die in der Vergangenheit geschehen waren, ja selbst solche, die zur Zeit der Vergangenheit bereits Vergangenheit gewesen waren; ebenso ließ sich das Künftige beschreiben und auch solches, das zu einem künftigen Zeitpunkt Vergangenheit sein würde.
Hadubald der Scharfsinnige war fasziniert. Da jedoch unter seinem Volk keiner der Sprache des Alten Volkes mächtig war, konnte er sich ihrer nicht bedienen, wenn er die Ergebnisse seines Nachdenkens seinen Mitmenschen zugänglich machen wollte. So faßte er den Entschluß, das Tempus-System der Alten Sprache auf die eigene Sprache zu übertragen. Dies erwies sich jedoch durchaus nicht als so einfach, wie es hier hingesagt wird.
Da Hadubald die Absicht hatte, über Dinge des täglichen Lebens zu denen seiner Ansicht nach der Ablauf der Zeit gehörte zu reden, mußte er sich vor allem der gewöhnlichen Form bedienen. Doch auch die erhabene Form gedachte er in sein System einzugliedern. Fügte er aber nach dem Vorbild der Alten Sprache neue Laute und Lautverbindungen den Verben seiner eigenen Sprache hinzu, dann verstand keiner mehr, was er damit meinte. Er erkannte bald, daß er sich mit zusätzlichen Wörtern und Wortformen behelfen mußte, die seine Zeitgenossen verstanden. So fand er die Funktion des Hilfsverbs, wobei er gleichfalls an eine Eigentümlichkeit der Alten Sprache anknüpfen konnte, in der man dieses Mittel allerdings nur dann heranzog, wenn man ausdrücken wollte, daß einem in der Vergangenheit etwas widerfahren war.
Hadubald der Scharfsinnige erkannte, daß er zu diesem Zweck Wörter wählen mußte, die so häufig im Gebrauch waren, daß sie jedermann täglich benutzte und also auch ohne Schwierigkeiten verstand, etwa Wörter wie sein im Sinne von existieren oder haben im Sinne von besitzen oder werden im Sinne von wachsen, sich entwickeln. Wie ist das, fragte er sich, wenn zur Vergangenheit eines Menschen die Erfahrung des Laufens gehört? Gehört sie nicht zu seinem Sein? Gelaufen Sein? Also: Er ist gelaufen. Wie ist das, fragte er sich weiter, wenn zur Vergangenheit eines Menschen die Ausübung des Melkens gehört? Besitzt er nicht diese Erfahrung? Gemolken Haben? Also: Er hat gemolken.
Wie ist das, wenn in der erhabenen Form von Dingen berichtet wird, die vor dem Zeitpunkt liegen, zu dem das Erzählte sich zuträgt? Muß dann nicht auch das Hilfsverb in der erhabenen Form verwendet werden? Also: Ein Jahr, nachdem Rudimer Fahlbart sein Weib erschlagen hatte, erkannte er ihre Unschuld.
Und schließlich: Wie ist das, wenn in der Zukunft eines Menschen das Sterben wartet? Wächst er nicht diesem Sterben entgegen? Sterben-Werden? Also: Er wird sterben. Und wenn in der Zukunft der Tod diesen Menschen bereits eingeholt hat? Gehört der Tod dann nicht zu seinem Sein? Also: Es wird gestorben sein.
Auch Hadubald wurde, wie die alten Geschichten erzählen, trotz all seines Scharfsinns vom Tode eingeholt. Aber er hinterließ eine Sprache, an der seine Schüler – die sich hinfort die Scharfsinnigen nannten – ihren Scharfsinn üben konnten, und dieser Sprache bedienten sich alle, die über den Ablauf der Zeit nachzudenken begannen. Das waren nicht wenige; denn das Nachdenken kam damals in Mode.

Die Ackerbauern und Viehzüchter hingegen, die eine solche Subtilität der Ausdrucksweise nicht benötigten, hielten weiter an ihrer überkommenen Sprache fest, gebrauchten die gewöhnliche Form, wenn sie von alltäglichen Dingen redeten, und die erhabene, wenn sie ihre mythischen Gesänge anstimmten.
Damit war jedermann zufrieden, wenn auch die Ackerbauern und Viehzüchter gelegentlich über die ihrer Meinung nachgeschraubte Ausdrucksweise der Scharfsinnigen spotteten oder ihrerseits von den Scharfsinnigen wegen ihrer ungenauen Redensweise getadelt wurden.

Mit besonderer Schärfe tat dies die Gruppe der orthodoxen Hadubaldianer, die sich von den Scharfsinnigen abgespalten hatte. Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, das gesamte Volk zur Annahme der Hadubaldschen Sprachreform zu zwingen. Bei Strafe der Ausstoßung mußte sich jedes ihrer Mitglieder, in welcher Lebenslage auch immer, an die Regeln des Hadubaldschen Tempussystems halten, ja sie hatten daraus so etwas wie eine rituelle Sprache entwickelt, die schon fast liturgische Formen annahm. So begrüßten sie sich, wenn sie einander auf der Straße oder sonstwo trafen, mit einer feststehenden Formel. Der Jüngere sagte: „Hadubald hat gelebt«, der Ältere antwortete: »Hadubald wird immer leben« und darauf beide gemeinsam: „Wir werden gelebt haben, aber Hadubald wird leben.«
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So standen die Dinge, als Spiridion Spalthirn eine neue Art des Denkens entwickelte. Diesen Namen hatte man ihm beigelegt, weil er in seiner Jugend während der Kämpfe mit den Friesjackenleuten einen Beilhieb quer über das Schädeldach erhalten hatte. Diese lebensgefährliche Verletzung war zwar wider alles Erwarten ausgeheilt, hatte jedoch sein Denken auf eine merkwürdige Weise zugespitzt. Das Denken Hadubalds des Scharfsinnigen war auf die Natur der Dinge gerichtet gewesen: Um zu erfahren, was Zeit sei, hatte er sich eine Sprache geschaffen, in der sich seiner Meinung nach Zeitbezüge erfassen ließen. Spiridion Spalthirn jedoch begann über die Sprache selbst nachzudenken. Sind wir imstande, so fragte er sich, mit Sprache die Wirklichkeit zu erfassen?
Hadubald, wer immer das gewesen sein mag ging davon aus, er könne mit seiner Sprache die Wirklichkeit der Zeit beschreiben. Aber können wir das tatsächlich? Gibt es in Wirklichkeit überhaupt Zeit?
Oder ist Zeit nur eine Hilfskonstruktion, die sich der Mensch in der Sprache geschaffen hat, um der Wirklichkeit Struktur zu verleihen? Hat der Mensch vielleicht nur deshalb den Raster der Sprache entworfen, weil er es nicht erträgt, im Ungegliederten zu leben, oder weil er ohne Logik nicht auskommen kann? Stellen wir nicht vielmehr durch unsere Sprache erst Logik her und übertragen sie dann auf eine Wirklichkeit, die wir eigentlich gar nicht erfassen können?
Auf diesem Wege fand er das Axiom des Siebs. Die Sprache, sagte er, ist wie ein Sieb, dessen Löcher in Mustern angeordnet sind, die den Strukturen unseres Denkens entsprechen. Mitdiesem Sieb fischen wir im Trüben der Wirklichkeit. Der größere Teil der Wirklichkeit fließt jedoch durch die allzu groben Löcher ab. Was zurückbleibt und sich auf dem Boden des Siebs absetzt, zeichnet lediglich die Muster nach, die wir durch die Anordnung der Löcher dem Sieb selbst -durch unsere Sprache gegeben haben. Sprache beschreibt also nicht Wirklichkeit, sondern nur unsere Denkstrukturen.
Spiridion Spalthirns Axiom wurde von jenen Menschen, die nachdachten, bereitwillig aufgegriffen. Die Zeit war reif dazu; denn damals stand die Macht der orthodoxen Hadubaldianer auf ihrem Höhepunkt. Sie hielten praktisch alle entscheidenden Positionen im Schulwesen besetzt und hatten  den Lehrplan derart reformiert, daß etwa zwei Drittel des Unterrichts dem Lernbereich Sprache gewidmet waren. Wo immer man an den geöffneten Fenstern einer Schule vorüberging, konnte man die Schüler im Chor die Verbalformen aufsagen hören: Ich spreche, ich sprach, ich habe gesprochen, ich hatte gesprochen, ich werde sprechen, ich werde gesprochen haben, es wird gesprochen, es wurde gesprochen, es ist gesprochen worden, es war gesprochen worden, es wird gesprochen werden, es wird gesprochen worden sein …
Die Eltern unter den Ackerbauern und Viehzüchtern von ihren Kindern gar nicht zu reden konnten sich gegen eine solche Art des Unterrichts, ja des öffentlichen Zwangs, nicht wehren; denn die Gesetze und Erlasse zum Schulwesen wurden ja von den orthodoxen Hadubaldianern formuliert, gegen deren Eloquenz sich keiner in den zuständigen Gremien durchsetzen konnte. Aber auch im Lager jener Leute, die sich aufs Nachdenken verlegt hatten, wuchs die Opposition gegen solche Zustände. So ist es nicht zu verwundern, daß Spiridion Spalthirns Axiom auf einen vorbereiteten Boden fiel.
Spiridion verstand sich selbst nur als reiner Denker und lehnte es strikt ab, zum Haupt einer oppositionellen Gruppe zu werden. So kam es, daß sein Denkansatz in eine Richtung weiterentwickelt wurde, die sich beträchtlich von seinen ursprünglichen Intentionen entfernte. Wenn wir, so fragten die Spiridionisten (diesen Namen hatten sie sich trotz Spiridions Protest beigelegt), in der Sprache nur unsere eigenen Denkstrukturen nachzeichnen, wie kommen wir dann dazu, nach Hadubalds Reform die Denkstrukturen eines fremden, obendrein auch noch ausgestorbenen Volkes zu übernehmen? Sollten wir nicht vielmehr unsere nationale Eigenart pflegen? Laßt uns die Überfremdung unserer Sprache beiseite fegen und zur angestammten Redeweise unseres Volkes zurückkehren!
Gleich das erste Manifest, das die Spiridionisten drucken ließen, wurde unter dem Einfluß der orthodoxen Hadubaldianer von der Zensur verboten, eingezogen und vernichtet. Die Spiridionisten antworteten mit Flugzettelaktionen, Postwurfsendungen, und ihre geistigen Führer hielten Reden auf öffentlichen Plätzen. Als diese Störung der allgemeinen Ordnung beunruhigende Formen anzunehmen begann, beschloß eine radikale Gruppe von orthodoxen Hadubaldianern, den geistigen Urheber all dieser Verwirrung aus der Welt zu schaffen. Sie drangen nachts in Spiridions Wohnung ein, zerrten ihn aus dem Bett und spalteten mit einem Beil seinen Schädel diesmal so gründlich, daß ihm für alle Zeiten das Nachdenken verging.
Die Reaktion auf dieses Attentat ließ nicht lange auf sich warten. Die Spiridionisten standen auf wie ein Mann, und es gelang ihnen, einen großen Teil der Bevölkerung besonders unter den Ackerbauern und Viehzüchtern auf ihre Seite zu bringen. So kam es binnen weniger Tage zum spiridionistischen Umsturz. Mit Dreschflegeln, Sensen und Äxten bewaffnet, zogen die Massen aus allen Windrichtungen zur Hauptstadt und fegten die orthodoxen Hadubaldianer nicht nur aus ihren Positionen, sondern schlugen sie zum größeren Teil auch gleich tot. Am nächsten Tag schon wurde die Große Nationale Sprachreinigung eingeleitet, die sämtliche Hadubaldschen Überfremdungen aus der Sprache entfernte. Man verwendete wieder auf jeweils geziemende Weise die gewöhnliche oder die erhabene Aussageform, und jeder, den man bei der Verwendung Hadubaldscher Zeitformen ertappte, wurde öffentlich getadelt mit im Wiederholungsfalle zum Schutz der Sprachgemeinschaft in die Verbannung geschickt, und niemand hörte je wieder von ihm.
Unter den sieben oder acht Generationen, die seither gelebt haben, ist jener Streit um die Sprache, der damals die Gemüter so erhitzt hat, bald abgeflaut, ja mittlerweile völlig in Vergessenheit geraten.
Die Menschen haben sich wieder ihren alltäglichen Verrichtungen zugewendet und kümmern sich nicht mehr um die erbitterten Auseinandersetzungen der Vergangenheit. Da zudem in diesem Zeitraum die alten Mythen rasch an Bedeutung verloren haben, ist zugleich auch die erhabene Aussageform aus dem Sprachbewußtsein der meisten Menschen geschwunden. Sie leben ja größtenteils im Wohlstand, haben kaum Gründe, unzufrieden zu sein, und diese Zufriedenheit beherrscht sie in einem Maße, daß sie sich ganz und gar auf den Genuß der unmittelbaren Gegenwart beschränken.
Allerdings besteht noch ein gewisses Interesse an Dingen aus der Vergangenheit, aber eher in dem Sinne, daß Gegenstände aus der alten Zeitgerade weil viele von ihnen während der Sprachwirren zerstört worden sind an Wert gewonnen haben. Dieser Wert liegt allerdings weder in ihrer ursprünglichen Bedeutung noch in ihrem Alter begründet, sondern vielmehr in ihrer Seltenheit, vergleichbar etwa mit der Kostbarkeit eines Pelzmantels, der aus den Fellen fast ausgestorbener Tiere hergestellt worden ist. Und auch das Künftige kümmert die Leute nur insoweit, als man bestrebt ist, das angenehme Leben der Gegenwart nach Möglichkeit weiter unverändert zu erhalten. Um es kurz zu sagen: Für die Vergangenheit sind die Antiquitätenhändler zuständig und für die Zukunft die Versicherungsagenten.
Die gewöhnliche Aussageform hat sich in einem Maße durchgesetzt, wie es selbst die eifrigsten Sprachreiniger kaum erwartet haben dürften (ich muß allerdings gestehen, daß ich neuerdings für mich selbst gern auf die Hadubaldschen Zeitformen zurückgreife, aber ich hüte mich, dies in allzu breiter Öffentlichkeit zu wagen). Offenbar besteht in der Bevölkerung kaum noch das Bedürfnis, Vergangenes oder Künftiges sprachlich zu umschreiben.
Manchmal frage ich mich: Hat unser gegenwärtiges Bewußtsein unsere Sprache geformt, oder hat die Verbannung der Hadubaldschen Zeitformen das Vergangene und das Künftige aus dem Bewußtsein der Leute getilgt? Ich weiß es nicht. Wenn ich diese Aufzeichnungen jetzt gleich abgeschlossen haben werde, will ich meinen Mantel nehmen und über die Straße ins Cafe Temperelli gehen. Dort wird mir Herr Franz aus dem Mantel helfen und mich fragen: »Wie immer, Herr Doktor?« und ich werde antworten: »Was sonst?« und mich an meinen angestammten Marmortisch setzen. Herr Franz wird mir einen kleinen Schwarzen bringen und fragen: »Erlauben der Herr Doktor, daß ich ihm ein Rätsel aufgebe?« Ich kenne seine Rätsel schon alle, aber ich höre sie immer wieder gern (manchmal habe ich Herrn Franz in Verdacht, ein verkappter Hadubaldianer zu sein). „Fragen Sie!« werde ich sagen, während ich zwei Stück Zucker in den Kaffee fallenlasse und umrühre.
»Was ist das?“ wird er fragen. »Gestern ist es gestorben, heute lebt es, und morgen wird es geboren werden? Wir messen es stündlich, und doch kennen wir weder Anfang noch Ende? Jeder nimmt es sich, und doch läuft es allen davon?“
»Die Zeit, Herr Franz«, werde ich sagen, »die Zeit.“

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Fortsetzung hier


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