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Macht der Seele – Bündnis mit Kindern 1.9.4 – Szene 66

Eckehardnyk Mittwoch 10. Juni NZ14

1.

Heiligabend wird’s und überall werden Predigten gehalten, in denen von „der Macht der Liebe“ die Rede ist. Warum diese (Tor)Tour „alle Jahre wieder“?

Warum überhaupt jedes Mal ein Ausbruch von „Betroffenheit“, wenn dann gerade in der Weihnachtszeit Übles passiert1 „Fassungslos“ ringen allerhöchste Vertreter der öffentlichen Meinung bei solchem Geschehen um Worte und finden nur „Heu und Stroh“. Auf diesem liegt dann zur Weihnacht „das Kindlein“.

2.

Was würden unsere Kinder denn anders machen? Wenn eine Bombe irgendwo auf der Welt „unschuldige Passanten“ zerfetzt, würde Kind das natürlich schrecklich finden, wenn es davon erführe oder wenn es gar davon irgendwie betroffen wäre; es würde sich mit den Opfern verbünden und die Täter verwünschen. Es würde auch weinen, wenn es von Anderen, bei einem Flugzeugabsturz Ums-Leben-Gekommenen erzählt bekäme. Es wird überhaupt an allem Anteil nehmen, wo seine Gefühle mit dabei sein können, und „ein Stück weit in die Haut der Betroffenen schlüpfen“, um sich in deren Lage zu versetzen. Doch kann es, soll es an Allem, was Schreckliches geschieht, teilhaben?

3.

Es gibt sicher ein Maß, was eine kindliche Seele verarbeiten kann, dann aber gegen zuviel davon sich abwendet. – Wo ist der Unterschied, warum können wir normalerweise „dem Kind“ das Mitgefühl glauben, wo wir beim „großen Tier“ Mühe haben? Ich meine, das hängt mit dem Machtbesitz zusammen. Ein Kind ist so mächtig, wie sein Gefühl reicht. Das ändert sich in dem Moment, wenn äußere Macht hinzukommt. Der Apparat, den ein Mächtiger bedient, hat so wenig Gefühle wie ein Monitor Ahnung von dem besitzt, was auf seiner Mattscheibe passiert.

4.

Spricht nun ein Mandatsträger zu einem schrecklichen Ereignis, dann begibt er sich auf vermintes Gelände. Die Masse drängt, dass er etwas irgendwie beurteile. „Paule, sag doch wat!“2 Und er überlegt, was und wie es ausgedrückt werde. Wer auch immer steckt da in einer tragischen Klemme:

Die Gefühle, die man hat, schämt man sich zu zeigen, und gefühllos zu sein ist in diesem Fall tabu.

5.

Heraus kommt ein Mischmasch, den man in Deutschland mit einem „Unwort“ inzwischen als Betroffenheitskultur bezeichnet. Als hätte man sich schon damit abgefunden, dass vis-à-vis von Unglück auf der Welt nur noch mit Worthülsen um sich geschmissen werde. – Geht das „nur so“? Ist denn ein Mensch, der Macht besitzt, an sich schon ein Lügner? (Wie das die Menschen in einigen Ländern schon für die Regel halten.) Sollte unser Kind eines Tages mit den „Insignien der Macht“ ausgestattet werden, wendest du dich dann von ihm ab und sagst, „Du bist für mich ab heute kein Mensch mehr“?

6.

Oder schmeichelst du ihm oder fühlst dich selbst erhöht? Für beide Arten sich zu benehmen gibt es zwar Gründe; aber solltest du dich für eine davon hergeben wollen? – Ein Mensch mit äußerer Macht bleibt ein Mensch wie du und ich. Er hat Bedürfnisse, Gefühle, Ideen (oder auch nicht). – Er muss das weitgehend mit Anderen teilen und in Entscheidungen umsetzen, die Andere betreffen, auch dich und mich, ohne zu fragen. Er muss streng sein, energisch und rigoros. – „Macht aber, wo es die gilt, die weichet nicht“3 hat einer unserer Klassiker gesagt. Das haftet vielen Machthabern an, die quasi gedrängt sind, ihr Wesen mit etwas von der „Überheblichkeit“ des Amtes zu imprägnieren. Das Ergebnis hat uns William Shakespeare in seinen Königsdramen vorgeführt.

7.

Beherrschbarkeit ist das Schlüsselwort; denn, solange ein Kind um sich kreist, kann es die Fähigkeiten erlangen, sein Wesen zu kennen und mit diesem seinen Willen zu durchsetzen. Es kann überall sein, wo es sich auskennt. Mit der Eigenschaft, sich kundig zu machen, ist jede Seele ausgestattet. Kenntnisse und Fähigkeiten setzen eine Seele in den Stand, ihren Leib, wie einen Handschuh zu bedienen, wie Samy Molcho es passend ausgedrückt hat. Und darüber hinaus gilt auch: Über diesen Leib durch Mehrung seiner Kenntnisse hinauszuwachsen und Verantwortung zu übernehmen.

8.

Das macht endlich auch den Politiker zum Staatsmann, dass er für Geschehnisse Verantwortung trägt, die ihn nur aufgrund seiner Stellung etwas angehen; die allerdings auch mit den Anmaßungen des „Apparates“ in Verbindung stehen, mit welchem er walten, welchen er beherrschen muss. Aber in ihm lebt eine Seele, die sich, wenn sie gesund ist, aller Dinge annimmt, die ihr dieser Apparat zuträgt. Die Seele muss dann „für die Ewigkeit“ selbst entscheiden, wie sie Probleme im eigenen Denken auflöst, was sie ihre Person selbst machen lässt oder was sie, und an wen, delegiert.

1 Überschwemmungen, Orkane, Erdbeben, Unfälle, Bombenattentate, Kriege und Brände

2 Ein von Jürgen von der Lippe gern gebrauchtes Flügelwort

3 Sophokles:Antigone, Dritter Akt. Übersetzt von Friedrich Hölderlin

(c) eah – Abenteuer Erziehung 2012, aus der 2. Auflage für bumibahagia, 10.6.26


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