bumi bahagia / Glückliche Erde

Zum Sonntag / Kurt Masur

Kurt Masur. Eine Begegnung, welche mich heute beglückt.

Ich war Berufsmusiker, doch hatte ich aus verschiedenen Gründen Scheuklappen auf. Während meiner Aktivzeit beschäftigte ich mich nicht mit den Lichtgestalten in meinem Berufszweig. Ich hatte genug zu tun mit mir, mit Brotkorb einerseits und damit, mittels Fleiss (den ich im Rückblick bewundere) den Ansprüchen, die ich an mich selber stellte, auch nur halbwegs gerecht zu werden.

Heute geniesse ich die komfortable Lage, mittels Duröhre nachzuholen. Was ich finde, beeindruckt, ja bezaubert mich eins über das andere mal. Heute bezaubert mich Kurt Masur.

Es gibt Spitzendirigenten, deren Körpersprache ich nicht verstehe. Ich wäre als Musiker nicht einmal in der Lage, vom Auge geleitet präzise zu spielen. Mehr noch. Es gibt Spitzendirigenten, deren Körpersprache mir nicht nur nicht den Schlag nicht klar zeigt, sondern welche mir zur Musik ganz gar nicht zu passen scheint. Das ist mir seltsam, denn offenkundig machen die Orchester trotzdem gute Musik. Ich werde nie öffentlich sagen, welche Berühmtheiten ich meine, was soll ich da blöd rummäkeln, als kleiner Frosch.

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Nun also Kurt Masur.

Ein Mann.

Die wenigen im Video berichteten Ausschnitte aus seinem Wirken, in Kombination mit seinem Auftreten, sagen mir dies. Ein Mann. Das heisst ein Mensch, der wohl inneres Zittern und zagen kennt, jedoch entschieden und kraftvoll erkannte Ziele verfolgte. Ich mag Mann, welcher Mann ist.

Ein guter Tyrann. Es gibt keinen Spitzendirigenten, der nicht Tyrann ist. Was ist der Dirigententyrann? Er ist unwiderstehlich. Wie er das macht, wie er den wunderbaren Sauhaufen, die 100 hervorragenden, zu einem Orchester sich zusammenfindenden Musiker auf Linie bringt, das ist von Dirigent zu Dirigent verschieden. Karajan liess seine Musiker sozusagen hocken, sie mussten sich selber zusammenraufen, wollten sie was zustandebringen (ich weiss, das ist salopp ausgedrückt), Abbado bezauberte durch seine ganzheitliche Eleganz und Herzlichkeit, Celi zwang mittels ätzender Kritik, Masur holte die Musiker mittels Natürlichkeit und stupender Präzision. Seine Natürlichkeit ist ganz einfach abzulesen. Er dirigiert mit seinem gesamten Körper (Beispiel Video II, Ravel/Mussorgsky 14:15!) Vergleich das mal mit den steifen Karajan und Celibidache, haha. Abbado dirigierte auch mit seinem ganzen Körper. Abbado bat das Orchester, Masur fesselte mit seiner Präzision.

Lieber Leser, meine Beobachtungen gründen keineswegs auf langen, eingehenden Studien. Was ich hier sage, sammle ich als lose  Reminiszenzen meiner Eindrücke. Ist ja auch unwichtig, was ich hier senfe. Entscheidend ist, dass diese Musiker, und ich meine damit allesamt, bis zur Geige am hintersten Pult, mit Herzensblut zum Leben erwecken, was Menschen genialer Inspiration schufen.

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Was Generelles zum Spitzendirigenten. Ich orte drei Eigenschaften, welche sie befähigen, dies geordnet von wichtig bis unabdingbar:

Kenntnis der Partitur. Unbändiger Gestaltungswille. Charisma.

Ohne Charisma, wie geartet auch immer, wandelt sich ein berühmtes Symphonieorchester zu einem Sauhaufen von böse Streiche spielenden Spitzbuben und frechen Gören.

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Welch unvergleichliche Wiedergabe der Bilder einer Ausstellung von Moussorgsky/Ravel.

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Weg von Kurt Masur, etwas zu den Spitzbuben. Manche Male leisten sich Orchester auch einen Streich, der nicht böse gemeint ist. Mir ist entfallen, um welchen Dirigenten und welches Orchester es sich handelte, doch ist die Geschichte mir geblieben. Der Dirigent hatte die Angewohnheit, an Kulminationsstellen laut hineinzuschreien – gleichsam erlösender Orgasmus (das hört kein Mensch. Wenn Bassposaune, Posaunen, Hörner, Trompeten und Piccolo voll tröten, geht eine Menschenstimme darin unter). Wisper wisper, sie sprachen sich vor der Generalprobe ab. War eine 5 Minütige Steigerung in einer Brucknersymphonie. Mit Auf und ab, im Grundzuge mit Auf, mit steigend und steigender Spannung, und dann….der Kulminationspunkt, das ganze Orchester fortefortissimo! Und was machten sie, diese Lausbengel? Statt fortefortissimo – Erlösung…setzten sie ab. Des Dirigenten Urschrei erklang in die Stille des schweigenden Orchesters. Diese Schweinepriester!

Nein, er erlitt keinen Schlaganfall.

🙂

Klarheitshalber nochmal: Es war nicht Masur.

Doch zurück zu ihm:

Danke, Kurt Masur, für dein Leben und Wirken.

Thom Ram, 29.10.05 (2017)

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7 Kommentare

  1. Annegret Abdou sagt:

    Oh vielen, vielen Dank lieber Thom Ram, das ist wunderschön. Der Herr Masur lebt die Musik und breitet sie vor uns aus! Magnifique !!!

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  2. thom ram sagt:

    Annegret Abdou

    🙂

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  3. haluise sagt:

    Hat dies auf haluise rebloggt.

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  4. haluise sagt:

    danke ..,. für mich ab DEM 30.

    ICH LIEBE die MUSIK IN und aus DIR … LUISE schwelgend

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  5. eckehardnyk sagt:

    Eine solche Beschreibung gefällt mir. Wie war eigentlich Yehudi Menuhin als Dirigent? – In meiner Nachbarschaft entstand vor sechs Jahren ein kleiner Aufführungsort (68 qm, ehemalige Dorfkirche), den die sogenannte Klassik über die Ortsgrenzen hinaus bekannt werden ließ (Programmreihe Festspielhäusel). An den Konzerten des Jugendorchsters Baden-Baden fiel mir auf, dass es mehr oder weniger die jungen Solisten waren, die das kleine Orchester zur Einheit werden ließen. Karl Nagel, der Dirigent, auf den das von thom ram Gesagte vom Tyrannen zutrifft, auch wenn ihn keine große Zeitung für sein über halbes Jahrhundert währende Arbeit ehrte, hatte fast immer eine glückliche Hand bei der Solistenauswahl. Ein Merkmahl verrät er: Sie müssen (abgesehen vom Können) frei schwingende Ohrläppchen haben. (siehe http://www.betterplace.org/p7131)

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  6. mkarazzipuzz sagt:

    Kurt Masur
    war zweifelsfrei ein guter Dirigent?! Ich bin leider nicht berufen, dies zu beurteilen…
    Ich kann aber beurteilen, was Kurt Masur zu DDR-Zeiten war: ein Opportunist im schlechtesten Sinne.
    Er ist für mich so etwas in der Musik, wie die Angela in der Politik.

    Tut mir leid, aber so sehe ICH diesen gewesenen Herrn.

    Lieben Gruß
    krazzi

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