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Ein Fenster zum All – Szene 64 (1.9.2) zu Bündnis mit Kindern

Eckehardnyk, April 13, NZ13

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Warum beschäftigen sich die Menschen mit dem All? Ob sie nun Star-Wars- oder Enterprise-Filme anschauten – eigentlich mö

chten sie wissen, wie man in einem Universum der realen Welt „richtiger“ oder „am richtigsten“ lebt. Das ist natürlich unterhaltsamer, wenn das in fiktiven oder fernen Galaxien abgeht, anstatt am heimischen Herd. Denn hier hätte einen die aktuelle Frage zu beschäftigen, aus dem All der Maßnahmen die richtige Auswahl zu treffen, die unserem Kind das gewünschte Benehmen nicht nur anzeigt und sondern auch ermöglicht.

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Statt wir zeigen an oder wir bringen bei, lässt die inzwischen gewonnene Einstellung uns allmählich zu erarbeiteten Ansagen oder spontan sinnvollen Antwortenzu kommen, die wir mit Heranwachsenden in Ruhe kommunizieren. – Angesichts der Fülle, die das Leben bietet, sind die Reize, die wir aussenden, vergleichbar mit den Kügelchen einer Schrotladung. Bei größerem Wild verlangt die Jägerehre eine einzelne Kugel und damit den Blattschuss. Nun, was wollen wir? Unser Kind ist weder ein kleines noch ein großes Wild, aber wir wollen es durchaus „treffen“. Deshalb sollten wir auf jeden Fall die Flinte oder den Stock bewusst beiseite legen und uns für Besserung des Umgangs auf humane Art gezielt einsetzen. Spaß und Bild beiseite. Um das „Blatt“, das Herz, eines Kindes zu treffen, genügt manchmal weniger als ein Wort:

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Ein Wechsel der Tonlage, der Lautstärke, des Klangs, des „Dialekts“; eine deutliche Gebärde, ein stummer Fingerzeig oder eine geänderte Haltung, aus der wir unsere Botschaft zuverlässig komponieren und dem Kind freundlich entgegen bringen und Die Dinge auf den Punkt bringen.

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Warum wollen wir mehr? Haben wir das All aus den Augen verloren und vergessen, wie winzig angesichts aller Möglichkeiten das ist, was wir tun können? – Alles jetzige Tun bezieht seine Legitimation aus der Macht des Faktischen – daran werden wir nur kaum was ändern. Deshalb probieren wir, uns auf das Notwendigste zu beschränken und darauf zu vertrauen, dass unser Wille in dem Wenigen walte, was wir äußern, und vom Kind wie etwas Höheres erfasst und für heilig genug gehalten werde, um es zu achten und zu befolgen.

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Die Erhöhung ins Übersinnliche oder Sakrale erscheint jetzt eventuell überraschend; mir scheint es jedoch hier angebracht, weil dem Kind ein Gespür für das vorgelebt werden kann, was Goethe die Ehrfurcht vor sich selbst genannt hat. Dadurch wird Ehrfurcht generell erlernt, wofür später das etwas flachere Sprichwort gilt: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“.

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Ehrfurcht aber ist nötig gegenüber Natur, Menschheit, Kulturen und dem jeweils darin waltenden Geist, der auch den Menschen ins Boot der Evolution gesetzt hat. – Das Kind braucht Gelegenheit, um diesen Willen, den wir ihm zufließen lassen, aufzunehmen und respektvoll zu akzeptieren. Manchmal genügt etwas mehr Zeit, wie es Emmi Pikler mit ihrem Buchtitel Lasst mir Zeit! für das Kleinkindin richtiger Weise fordert. Aber die Zeit ist ja, wie wir schon gesehen haben, eine in der stofflichen Welt Ordnung stiftende Dimension.1) Kennt denn ein Winzling die Zeit? Erweitern wir die Piklersche Forderung etwa durch:

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Gebt mir Gelegenheit!“ oder wenigstens „Gebt mir eine Chance!“ – klingt das zwar vielleicht zu dramatisch , als hätte jemandes letztes Stündlein geschlagen; aber ist es denn anders? Wenn ein Zögling die Chance erhält, etwas wie Schleifebinden bevormundungsfrei zu meistern, dann wird irgendwann auch das letzte Stündlein geschlagen haben, um hieraus für seine leibliche und damit auch geistige Entwicklung „Kapital“ zu gewinnen. – Sicher, es kommen immer wieder Gelegenheiten, das Schleifen binden zu lernen. Aber sich etwas wie Selbstbestimmtheit daraus einzuverleiben, nimmt mit jedem verpassten Lebensmoment ab. Die Gelegenheit, das kleine Fenster der Entwicklung zu öffnen, das einem sowohl Freiheit als auch lebendige Intelligenz beschert – hier mittels Binden einer Schleife – geht vorüber und klappt irgendwann zu.

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Weltraumforschung kennt das als Zeit-Fenster. Wer ins All reist, der braucht solche „Luken“, um mit optimalem Energieschub sein Ziel zu erreichen. Das bedeutet übertragen auf den Umgang mit Kindern: Der Zeitpunkt, etwas in einer bestimmten Form zu erlernen und zu können, sollte als Entwicklungschance fürs Kind genutzt werden. – Etwas später noch einmal auf die gleiche Weise, also durch „Nachsitzen“pro forma abzuarbeiten, ist langweilig und auch demütigend sowie gegenüber der zu nutzenden Entwicklungsstufe gefährlich, weil es zu späteren Mangelerscheinungen führt, wie zum Beispiel Gedächtnisverlust einfachen oder raschen Handgriffen gegenüber.

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Mit der vergehenden abfließenden Zeit kommt nämlich ein anderes Ausdrucksrepertoire zum Vorschein und mit ihm Anlässe zu ganz anderen Geschicklichkeiten und den dazu gehörigen Gemütszuständen. Nach einem ungeschriebenen Gesetz unseres Alls stehen ständig neue Formen und darin waltende Potenzen und Gefühle für den richtigen Moment zur Verfügung, so man darauf achtet. Für das Tierreich wurde darauf geachtet, dass Alles zu seiner Zeit passiere. – Orientieren wir uns am Spiel von Welpen! In jeder Sekunde kreieren sie neue Stellungen, die uns entzücken. Aber diese Spielperiode geht vorüber, was bei Tieren instinktmäßig gesteuert ist; bei Kindern ebenso, wenn es sich auch über Jahre hin ausdehnt. Mit der Geschmeidigkeit junger Katzen betätigen sie zwar ihre Gliedmaßen, aber, und das macht den Unterschied: Auch ihre Seelen!

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Und dazu brauchen wir Menschen die im Vergleich zur tierischen Natur lange Kindheit. – Denken wir nur, wie leicht ein Kind andere Kinder und gar fremde Erwachsene anspricht und in sein Treiben mit einbeziehen kann! Durch die Gedanken, die in der kindlichen Seele ankommen, Form annehmen und wie durch einen Spiegel zurück strahlen, tragen wir in uns ein Abbild des Alls und verändern es gleichzeitig. Wie war es denn sonst wohl gemeint und was steckt hinter der Analogiebildung oder Gleichsetzung von Mikro- und Makrokosmos? Wenn diese Gedankenführung wahr ist, dann bildet jeder von uns das All als Mikrokosmos ab, ja, doch auch um – in bescheidenstem Maße.

1) Die Zeit überlässt der räumlichen Struktur eines Geländes auch ein Gesicht seiner Ereignisse, die dank Erinnerung geschaut werden

(c) eah, Abenteuer Erzieung 2012 und 13. April 2026


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