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Muss es Erpressung sein? (1.9) – Abwehr von tief unten (1.9.1, Szene 63)

Eckehardnyk, Mittwoch, 18. März NZ 13

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Wohin wir schauen, überall auf der Welt findet sich Not, die gelindert und „gewendet“ werden muss. Das Dasein ist von Beginn an von Notwendigkeiten diktiert. Kaum ist der Mensch geboren, muss er gewärmt, ernährt, gereinigt, ausgeruht oder sonst wie am Leben erhalten und unterhalten werden.

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Nichts scheint freiwillig geschehen zu können. Nötigungen wie “Wenn du A weglässt, dann passiert B; wenn du das Essen verweigerst, musst du verhungern; wenn du verdreckst, fressen dich Schmarotzer; wenn du ewig wach bleibst, wirst du sterben und Alles vergessen – sind nur wenige, aber lebenswichtige Wenn-dann-Beziehungen, die unser Erdenleben bedingen und belasten, aber sich als Herausforderungen entpuppen, die das Menschsein über diese Nöte hinauswachsen und damit in einem umfassenden Sinn gesund sein lassen.

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Nach diesem Wenn-dann-Muster bilden wenig erfahrene Erwachsene indessen je nach Laune und Zeitgeist ganze Register von zwanghaften Verhältnissen, die einem Kind das Leben lang zu schaffen machen können, zum Beispiel: Wenn du an deinem Geschlechtsteil herumspielst, wirst du verrückt, oder Wenn du lügst oder stiehlst, kommst du in die Hölle – und ähnliche Aussagen mit Horroreffekt. Sagen wir das einem Kind heute, antwortet es – vor vierzig Jahren eher unmöglich – „Das ist ja Erpressung!“

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So ist die Welt, und deshalb steht im Evangelium: In der Welt habt ihr Angst (Johannes 16,33)1 Das größte Ich aber hat die Welt überwunden, es steht schon als Nächstes da, für den, der Ohren hat. Haben wir Ohren für das Ich?

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Als Erziehende und Kinderbegleitende sollten wir Ohren und Augen für Mädchen und Buben bekommen, in denen das Ich heranreift. Wir meinen aber, den ganzen Tag Geschrei zu hören und Chaos zu sehen. Wenn das so weiter geht, hagelt es „Verbote“ von Fernsehen, Taschengeld, Fahrradfahren, Freund-Besuchen, Rausgehen und so weiter, was alles bis zum Sankt Nimmerleinstag ausfallen soll. Alles Erpressung, Nötigung, bis hin zur „Versklavung“ – wer wollte das?

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Niemand? Wie auch immer. Du fühlst dich wahrscheinlich erschöpft, ausgebrannt und leer, wenn du am Abend versuchst, zu dir zu kommen. Aber„Sieh einer an!“ Da geht noch sieben Mal die Tür auf, und Klein-Sowieso muss aufs Klo, was trinken, Hund streicheln, Katze ins Bett holen, Licht im Flur an- oder ausmachen und gucken, was im Fernsehen läuft.

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Es nützt wenig, dass im Buddhismus die Welt für Täuschung erklärt wird. Was wir sehen und begreifen ist offensichtlich Wirklichkeit. Es ist unser Sohn, unsere Tochter, die schon wieder etwas wollen und die Ruhe im Haus vergessen lassen.

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Was soll man machen, ohne Gewalt? Verzweifeln? Meistens geschieht, was die einen in Weißglut Geraten und die anderen Ausrasten nennen mögen. Wie auch immer – ist es so weit gekommen, erzielen sie plötzlich einen Erfolg. Du auch? Dein Kind hört dich verdutzt an und zieht sich, für diese Nacht endgültig, zurück. Du kennst zwar die Vorgeschichte, trägst aber schlechtes Gewissen mit dir rum und denkst wütend oder bestürzt: „Muss es denn immer erst so weit kommen?“

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Bei Einigen von uns mischt sich ein Unterton von Trotz oder Trauer ein, bei wieder Anderen sogar Hass auf die Kinder, die solche Tagesabschlüsse bescheren. Wir werden (ab Szene 132) noch ausführlicher von Strafe sprechen. Hier schon mal vorab, Strafen ist immer dabei, egal wie wir dazu stehen; zum Mensch als Wesen der Freiheit gehört anscheinend auch eine Subkultur des Bösen, von Strafe, Verfolgung, Unterdrückung, Lüge und Rache.

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Von der Verhaltenstherapie ausgehend konnte der humane und brauchbare Sektor dieses Systems moralinfrei entschärft werden. Eine zur Tat passend präzise und zeitnahe Reaktion auf eine unerwünschte Handlung werden als Chance für die Wiederherstellung von einer jeweils gültigen Ordnung gesehen.

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Mit etwas als Sanktion oder Strafreiz Bezeichnetem steht der Erziehung ein Steuerungswerkzeug auch für Abwehrzwecke zu Diensten. Schlechtes Benehmen soll nur „gelöscht“ werden, also abklingen oder „vergessen“ werden. Das Problem dabei ist, Strafreize werden nur innerhalb der ersten 21 Sekunden nach einer „Untat“ in der gewünschten Weise verarbeitet.

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Verspätete Reaktionen führen zu Kränkung und Rachegedanken, und damit in einen Teufelskreis, wenn sie nicht in einer sittlich hochwertigen Weise dem unerlaubten oder unerwünschten Benehmen eine nachhaltige Umkehr ermöglichen. – Erinnere dich an das Beispiel in Szene 23 Selbstgestaltung mit der Jugendakne: Die abgehängten Spiegel führten sogar dazu, eine Akne zu „vergessen“, sodass sie verschwinden konnte, bevor es zu irgendeinem Protest oder Erpressungsvorwurf hätte kommen können. – Jener Spiegelentzug war dennoch ein Strafreiz oder eine Sanktion, und der Zweck wurde ohne „Theater“ erreicht. Man hätte auch über das Ziel und die seelischen Untergründe von Hauterscheinungen reden können, um ihren Hintergrund aufzudecken und unschädlich zu machen. Doch das hätte in der Kürze der Zeit die Beteiligten überfordert.

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Angesichts der Not von Kindern und Erwachsenen im Umgang miteinander erscheint es mir wichtig, sich um wirksame Selbstklärung zu bemühen. Gesetzliche Vorschriften taugen allenfalls als Rahmen der Lebenssicherung und sind nicht selten mit Ideologie so überfrachtet, dass der eigentliche Steuerungssinn verblasst und unterbleibt. Eine Aufgabe für das erwachsene Ich wäre es, sich Spontaneität und Dialogfähigkeit gegenüber dem Kind zu erhalten, egal was es angerichtet hat, denn es braucht ja die Aufklärung darüber, „was geht?“

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Kinder überraschen uns oft mit ihren haarscharfen Analysen von Konfliktsituationen und zeigen, dass sie auch in heiklen Situationen mit uns und der Welt korrespondieren. Auch „Eingeschnappte“ hören und sehen, wie man mit ihnen verfährt und lenken in der Regel sofort ein, sowie dem aus den Fugen geratenen Konflikt abgeholfen wird. Der Erwachsene muss sich zwar Respekt verschaffen. Die Abwehr darf aber nur unmittelbar, beispielsweise auf eine Frechheit hin, erfolgen und sollte nur diese zum Schweigen bringen.

1 Vergleiche später Szene 69, Fußnote

(c) eah Abenteuer Erziehung, 1. Auflage 2012 und 18. März 2026, Vorausgabe zu Bündnis mit Kindern (Abenteuer Erziehung, 2. Auflage)


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