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Die Königssöhne

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DIE KÖNIGSSÖHNE   by Rapunzel

Vor langer Zeit – irgendwo in Indien…oder Persien – ich weiß es nicht mehr ganz genau…da lebte ein mächtiger und grausamer König…der sich nach und nach mit Feuer und Schwert alle Länder ringsum unterworfen hatte.

Er hatte einen Wesir, namens Agar – der war noch grausamer und verschlagener als er selbst.

Eines schönen Tages nun sah der König sich um und fand niemanden mehr den er hätte unterwerfen können…und wie er sich darüber ärgerte, da fielen ihm einige kleine wilde Völker oben in den Bergen ein – die er noch nicht besiegt hatte – und er wusste, dass er erst wieder ruhig schlafen würde, wenn er auch diese seinem Willen unterworfen hätte.

Aber ein Feldzug in die Berge?

Das wäre mühsam – es gäbe sicher Verluste…und wie er noch darüber nachsann, ob er seine Heere dort hinauf schicken sollte, sprach Agar zu ihm:

„Herr – du musst nichts aufs Spiel setzen, nur um diese halbbarbarischen Stämme zu schlagen…lass sie sich selber schlagen – ich habe eine herrliche List ersonnen, mit deren Hilfe kannst du Uneinigkeit und Zwietracht zwischen ihnen säen kannst…der eine Stamm wird den anderen vertilgen…und du holst dir  anschließend die Reste!“

Der König  fragte wie dieses möglich sein solle.

„Ja – das werde ich dir sagen: Lass den Königen der Bergstämme Nachricht überbringen, dass du nicht beabsichtigst sie zu bekriegen…ganz im Gegenteil, du wollest ein friedliches Bündnis mit ihnen eingehen…und zur Besiegelung dieses Paktes lädst du den ältesten Königssohn eines jeden Stammes in deinen Palast zu einem großen Fest!

Die Könige werden stolz sein, dass ihre Söhne vor deinem Angesicht erscheinen dürfen – sie werden sie schicken…und wenn sie dann alle eingetroffen sind und vor deinem Thron versammelt stehen werde ich dafür sorgen, dass aus dieser Richtung

Ein Pfeil auf den Thron  geschossen wird – so dass er sich entweder in die Wand hinter dir oder in den Teppich vor deinen Füssen bohrt.

Du wirst entrüstet sein und laut verkünden es sei ein Verrat begangen worden – und du wirst verlangen, dass sie den Schuldigen ausliefern, damit du ihn zum Tode verurteilen kannst, liefern sie ihn nicht, so träfe es alle…

Nun – jeder von ihnen weiß bei sich, dass er den Pfeil nicht geschossen hat – aber jeder wird, um sein Leben zu retten, die Schuld auf einen anderen schieben…es wird Streit entstehen…und was auch immer dann geschieht, ob du sie umbringst, oder als Geiseln behältst, bis die Väter eine Entscheidung getroffen haben – du hast Zwietracht gesät – den Zusammenhalt der Stämme gebrochen, eine Blutrache wird der anderen folgen, und sie werden dir die Mühe ersparen sie zu vernichten, indem sie sich selber vernichten!!“

Der König dachte lange nach und fand den Vorschlag sehr gut.

Und so geschah es, wie der Agar es vorausgesagt hatte – ein jedes Reich schickte einen jungen Königssohn – mit prächtiger Ausrüstung und einem Gefolge so groß wie nur möglich!

Sie machten sich auf den Weg in die Hauptstadt, stolz und auch neugierig auf all die Pracht, von der sie gehört hatten – nach und nach stießen sie bei verschiedenen Gebirgspässen zueinander und unterhielten sich angeregt wie sie in der Residenz am vorteilhaftesten auftreten können…

Es waren insgesamt 9 junge Fürsten, die Namen sind nicht so wichtig – nur 2 sollen genannt werden:

Der eine der beiden war Said – er war der Sohn des mächtigsten Königs der Berge – er hatte das größte Gefolge, das beste Sattelzeug und die besten Waffen…aber er war auch durch sein ganzes  Wesen der Vorzüglichste der Schar.

Seine Eltern waren lange kinderlos gewesen, und dieser Sohn, den sie im hohen Alter bekommen hatten, war ihr ganzes Glück.

Er war schön – ein hervorragender Reiter, geschickt an den Waffen, klug und freundlich – und er hatte auch schon eine Braut…die ihm an Vorzügen in nichts nachstand…

Er ritt an der Spitze der Schar junger Edelleute – und sie lauschten seinem Rat, wie sie vor dem Angesicht des mächtigen Königs am besten Ehre für ihr Volk einlegen könnten…

Ganz hinten ritt ein Junge, der hieß Mira – sein Vater war König von einem ganz kleinen Reich im Norden…eine einsame und öde Gegend – er war einer von vielen Brüdern und seine Eltern hatte wahrhaftig keine große Summe für Erziehung oder gar Ausrüstung ausgeben können!

Sein Pferd war klein und zottelig, der Sattel sehr einfach, er trug einen Schaffellmantel und ein altes, kurzes Schwert in einer schlichten Scheide – er war der Jüngste der Schar – unerfahren, wie ein Dorfjunge eben…sein Gefolge bestand aus einigen alten Dienern seines Vaters und so hielt er sich in der Gesellschaft der anderen schüchtern zurück – aber er lauschte aufmerksam und sog alles in sich auf, um es später zuhause den Geschwistern erzählen zu können…

Als die Königssöhne durch das große Tor in die Residenz ritten waren sie überwältigt von der Ehrerbietung und der Freundlichkeit der Menschenmenge, die sie empfing – der Pracht der Straßen…sie wurden direkt in den Palast vor den König geführt, und konnten kaum glauben, dass ihnen so viel Ehre zuteilwurde!!

Das Ganze vollzog sich nach Plan – wie Agar es minutiös vorbereitet hatte – kaum hatte der König seine Willkommensrede beendet, stehend – und wieder auf dem Thron Platz genommen…da sauste ein Pfeil durch die Luft, und bohrte sich zitternd in die Wand…kaum 2 Fuß breit entfernt von seiner Schulter…und es war für alle offensichtlich dass er genau aus der Schar der Gäste gekommen war, auch wenn niemand den Schuss gesehen hatte!

Zwischen den Leuten des Königs breitete sich große Erregung aus – die Luft vibrierte vor Unruhe und Spannung…nur der König selbst stand da, reglos, aber unheimlich in seinem Zorn – das Gesicht dunkel wie ein Gewitterhimmel über den blutrote Blitze zucken – aber er sagte kein Wort.

Agar war es, der vortrat, und das Wort ergriff, und die Stimme, bebend vor Empörung, war gleichzeitig voll Honig:

Eine furchtbare Tat sei hier begangen worden – ein Schurke befinde sich in der Nähe des Königs und jedermann müsse das Angesicht verbergen, voller Grauen über das Geschehene!

Nun – er wisse natürlich, dass die jungen Gäste aus dem Norden nicht alle dieser Tat angeklagt werden könnten – sie seien, wie bekannt, der letzte Spross edler und ritterlicher Geschlechter…sie alle müssten den Verrat an der Gastfreundschaft des Königs aufs Schärfste verurteilen.

Dass einer unter ihnen zu so etwas fähig sei, müsse sie ja selber noch mehr entsetzen, als ihn…und man beabsichtige natürlich nicht sie alle zu verurteilen – so sie den Schuldigen unverzüglich auslieferten…. Also möge, wer den Namen kenne nun vortreten und ihn unverzüglich nennen!

Die Jünglinge standen schweigend.

„Wie?“ rief Agar entsetzt und gleichsam erschüttert. „Ist es möglich, dass es euch einfällt ihn zu decken?“

„Wir sind unschuldig – es gibt keinen Verräter unter uns – deshalb können wir niemanden ausliefern! Jeder  von uns weiß, dass weder er selbst, noch ein anderer diese Tat begangen hat.“

Agar wandte sich grimmig an den König. Da müsse man wohl glauben, dass sie alle mitschuldig seien – aber man wolle ihnen eine Chance geben.

Natürlich müsse man sie festnehmen und einsperren, wenn sie aber binnen 12 Stunden den Schuldigen nannten, so entgingen die Unschuldigen der drohenden Strafe…

Und so sahen sich die Königssöhne innerhalb eines Augenblicks von Ehrengästen in Gefangene verwandelt…von Leibwächtern umringt und abgeführt in ein dunkles Gefängnis mit gewaltigen Mauern – und sie wussten, dass sie diesen Ort erst am nächsten Morgen verlassen würden – und keinesfalls alle mit dem Leben davon kommen würden…

Agar wandte sich mit einem zufriedenen Lächeln an den König, weil seine List so gut gelungen war…Zwist und Schande waren erfolgreich gesät…

Es gab aber hinter dem Gefängnis einen verborgenen Raum, von dem aus man alles hören könne was drinnen gesprochen würde – dorthin wolle er sich nun als Zuhörer begeben, was die Königssöhne zu tun gedachten – und dem König dann im Morgengrauen Bericht erstatten…

Die jungen Männer waren zunächst wie gelähmt. Sie waren in eine Falle geraten, soviel war klar. Ihr Schicksal schien besiegelt! Wie selbstbewusst und sorglos waren sie von zuhause fortgeritten…und nun?

Nun sollte traurige Botschaft statt ihrer zurückkehren…denn einen von ihnen auszuliefern durch falsche Bezichtigung wäre ihnen nicht einmal entfernt in den Sinn gekommen.

Es herrschte eine Weile Schweigen….als sich eine Knabenstimme zu Wort meldete – der kleine Mira in seinem Schaffellmantel hatte sich vom Boden erhoben:

Er sprach leise aber bestimmt:

„Es ist ungerecht, dass unsere Länder einen so großen Verlust erleiden sollen. Wenn wir alle sterben, werden unsere Väter uns rächen – das wird Krieg und Unglück über alle bringen, über die Menschen der Berge, die dort in Frieden leben und ihre Herden hüten…Ist es nicht besser, dass 8 von uns zurückkehren, und dass wir uns in Freundschaft einigen ,einen von uns zu wählen, der die Schuld auf sich nimmt ? Sterben müssen wir alle einmal – und die die zurückkehren, werden zuhause erzählen, dass der neunte freiwillig blieb – so dass sie ihm Dank sagen können in ihren Gedanken.“

Die Jünglinge schauten voll Staunen auf ihn, der da gesprochen hatte, dann sahen sie einander an.

„Vielleicht hast du Recht,  Mira….aber wen sollen wir wählen um ihn in die blutigen Hände des Königs zu geben?“

„Ja seht Ihr…auch darüber habe ich schon nachgedacht, sonst hätte ich nicht gewagt Euch den Vorschlag zu unterbreiten… Ich selbst bin es, denke ich, der zurückbleiben wird – mein Land ist das kleinste und ärmste von den Reichen in den Bergen – meine Eltern haben noch mehr Söhne – und ich bin nicht besonders weise oder gebildet…meine Mutter wird mich beweinen, aber dies wird vielen anderen Müttern erspart bleiben…Ihr werdet Grüße von mir überbringen und  meinen Silbergürtel, das einzig Kostbare, was ich besitze zurückgeben.“

Mit diesen Worten zog Mira sich, wie zuvor schüchtern an die Wand zurück.

Die Jünglinge waren in Aufruhr – plötzlich schien eine Lösung des Todesknotens in greifbarer Nähe…und nach und nach wandten sie sich alle Said zu, der, seitdem sie ins Gefängnis geführt worden waren, kaum etwas gesagt hatte…

Er schien tief in Gedanken versunken und sie warteten lange dass er reden würde.

Endlich trat er zwischen sie, schlug seinen golddurchwirkten Mantel zurück…

„Mira hat Recht. Es ist besser, wenn einer von uns in die Hände des Königs gegeben wird, als dass so viele freie Stämme in Verwirrung und Unglück gestürzt werden!

Aber er hat nicht wirklich nachgedacht, wenn er uns vorschlägt, dass er selbst derjenige sein will, den wir ausliefern. Wie würden wir denn dastehen, in den Augen dieser stolzen Stadt – dieses mächtigen Königs, wenn wir ihm den Geringsten übergäben, den wir haben? Sie müssten annehmen, wir hätte den Knaben gezwungen uns anderen das Leben zu retten….nein – unsere Gabe an den König soll das Beste sein, was wir haben, so dass er von uns lernen kann, was königlicher Sinn und gute Sitten sind!“

„Wie sollen wir das verstehen?“

„Das dürfte nicht so schwer sein – aber ich will es Euch sagen: Ich selbst werde mich den Wachen in die Hände geben! Der König weiß ja in seinem Herzen, dass wir unschuldig sind…und er wird verstehen, dass wir, indem wir den allerhöchsten Preis bezahlen, der uns möglich ist, unsere Verachtung gegenüber seiner Gemeinheit zum Ausdruck bringen.“

„Aber wie Said!! Ein herrliches Reich wartet auf dich – ein Heer steht bereit dir entgegen zureiten – ein wunderbares Mädchen  nennt sich deine Braut…selbst wenn du auf alles verzichten willst – wie sollen dies Land, die Menschen, die Jungfrau dich entbehren können? Die Wehklagen werden von allen Bergen widerhallen!!“

„Das weiß ich – aber diesem Verlust werde ich abhelfen. Einer von Euch wird meinen Platz in meiner Familie, auf meiner Burg, an der Spitze meines Heeres und in meinem Brautbett einnehmen…einem von Euch übertrage ich alles, was mein ist oder werden sollte – und ich nehme die anderen als Zeugen für meinen Beschluss, so dass mein Vater, meine Mutter, mein Heer, mein Volk und meine junge Braut ihn heilighalten – ihn der Said sein wird, von morgen an, bis ans Ende seiner Tage.“

Erst war es still, dann gerieten sie in höchste Bewegung – niemand wagte zu fragen wer der Auserwählte sei…bis es einer nicht mehr aushielt:

„Wenn du dich wirklich so entschieden hast, Said, was wir alle bewundern und beweinen werden – sag, wen wählst du aus, dass er an deine Stelle tritt und alle Herrlichkeiten erbt, die dein waren?“

Said betrachtete die anderen mit leicht spöttischem Lächeln:

„Das fragt Ihr? Ergibt sich das nicht von selbst? Mein Stellvertreter muss derjenige sein, der am würdigsten ist – im Rat meiner weisen Männer zu sitzen, mein Pferd zu reiten – mein uraltes Geschlecht weiterzuführen…“

„Said – nenn uns den Namen!“

„Den Namen? Weiß nicht jeder von uns in seinem Herzen, dass Mira der Größte unter uns ist? Er ist der Jüngste, aber er hat es gewagt das Wort zu ergreifen – und er hat uns guten Rat gegeben! Er wollte sein Leben für uns geben – geben wir ihm zu viel als Entgelt, wenn wir ihm geben, was wir besitzen?

Mein eigenes Volk kann sehr zufrieden sein, wenn man einst sagen wird, dass seine Könige so regierten, wie Mira nachts im Rat der Königssöhne gesprochen hat!“

Viel mehr wurde nicht gesprochen – und Agar ging vor Anbruch des Tages zum König und berichtete was er gehört hatte.

Der König hörte ihn schweigend an und war da  einige Zeit in tiefe Gedanken versunken..

„Du bist ein schlauer Mann Agar – und hast all deinen Scharfsinn aufgewandt…

Aber auf diese Leute aus den Bergen verstehst du dich nicht. Wenn ihre Jünglinge so miteinander reden, wenn sie glauben, dass niemand sie hört, wie werden dann ihre Männer uns entgegentreten, wenn die Augen der Welt auf ihnen ruhen?

Lass sie in Frieden ziehen – meine Heere werden nicht die Grenzen ihrer Länder überschreiten…“

 

 

 

 

 

 

 


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