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Die Flucht – ein Zeitdokument des „Kalten Krieges“ / Teil 6 / Kontakt mit Häftlingen, Hoffnung, Weihnachten und Vaters Besuch

Hier geht es zum Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4 und Teil 5.

Verbindung mit anderen Häftlingen

Als ich wieder in der Zelle eingeschlossen war‚ hörte ich dauernd Jemanden von der Nebenzelle gegen die Wand klopfen. Schon gestern war mir dieses Klopfen aufgefallen‚ doch da hatte ich keine Lust, mich damit zu beschäftigen. Jetzt konnte ich mich aber genau darauf konzentrieren. Dieses Klopfen musste irgend etwas bedeuten, denn ich erkannte in den Klopfzeichen etwas Regelmäßiges. Noch einmal suchte ich ausführlich die Zelle ab. Vielleicht, so dachte ich, finde ich irgendwo eingeritzt den Kode für die Klopfzeichen. Aber mein Suchen war vergebens, ich fand nichts. Inzwischen wurde das Klopfen mit einer erstaunlichen Beharrlichkeit fortgesetzt. Nach einer Pause zählte ich die Klopfzeichen mal mit und es ergaben sich die Zahlen 14,1,13‚ 5. Was hat das bloß zu bedeuten, dachte ich. Wenn ich doch den Kode zum Entschlüsseln der Zeichen hätte! Vielleicht könnte ich dann Verbindung zu anderen Gefangenen aufnehmen. Ich musste unbedingt rauskriegen‚ was die Zahlen 14, 1‚13, 5 bedeuteten, die immer noch geklopft wurden.

Mit Hilfe der Finger ordnete ich jedem Buchstaben des Alphabets eine Zahl zu, also A=1, B=2 usw. Und da hatte ich es schon heraus. Das Geklopfte bedeutete: NAME. Jetzt war die Verbindung hergestellt, ich klopfte UWE‚ der Nebenmann seinen Namen CHRISTOPH. Obwohl ich mich natürlich noch dauernd verklopfte und es auch sehr langsam ging, konnten wir einige Nachrichten austauschen.

Plötzlich klopfte Christoph dauernd KLO. Zwischendurch hörte ich dann auch etwas wie BUERSTE und SPRECHEN, doch damit konnte ich nichts anfangen. Nach vielem hin und her kam endlich die Erleuchtung: Mit der Klosettbürste sollte ich das Wasser aus dem Klosett rauspumpen und dann könnte man durch die Rohre sprechen. Also horchte ich an der Tür‚ ob draußen auch kein Posten in der Nähe war‚ und pumpte das Wasser aus dem Klosett heraus. Wie habe ich mich gefreut‚ endlich die Stimme eines Leidensgenossen zu hören. Sehr verwundert war ich über den kameradschaftlichen Ton, in dem Christoph und die Anderen, die sich auch an der Klo-Leitung einfanden‚ mit mir sprachen, denn immerhin kannten die mich ja noch gar nicht. So erfuhr ich, dass die Meisten schon über ein halbes Jahr hier in der U-Haft saßen, dann gaben sie mir Tipps, wie ich mich bei der Vernehmung verhalten sollte, und von mir wollten sie natürlich wissen, wer ich sei, von wo ich komme und warum ich verhaftet wurde.

Die Mitteilung‚ dass die Meisten hier schon ein halbes Jahr hier waren, jagte mir einen ganz schönen Schreck ein. Ich hatte mit einer Untersuchungshaft von wenigen Tagen gerechnet, so wie ich es in Kriminalfilmen schon öfter gesehen hatte, und die drei Tage hier in der Zelle kamen mir schon wie eine Ewigkeit vor. Wie sollte das bloß weitergehen? Aber die Anderen sprachen mir gleich Mut zu und meinten, ich werde bestimmt bald mit einem anderen Häftling in einer Zelle zusammengesperrt. Und dann vergeht die Zeit schon etwas schneller. Dann würde ich auch bald etwas zu Lesen bekommen, zwar nur sehr wenig, aber immerhin eine kleine Beschäftigung.

Durch die Klo-Röhren konnte ich mit vielen Häftlinge in der U-Haft sprechen und so erfuhr ich von den Delikten der Anderen, den Urteilen, die ungefähr zu erwarten waren, und konnte mir auch mein Urteil abschätzen. Während ich noch am Vormittag mit ungefähr einem Jahr gerechnet hatte‚ ging ich jetzt schon, nach den Erfahrungen der Anderen, auf eineinhalb bis zwei Jahre herauf.

Immer wieder staunte ich auch später über den kameradschaftlichen Ton zwischen den Häftlingen. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde offen darüber gesprochen, dass wir in den Westen abhauen wollen. So ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wie hier im Stasi-Knast, hatte ich noch nie kennengelernt. Obwohl man sich nie gesehen hatte, wurde über die unmöglichsten Themen gesprochen und diskutiert, und beim „Freigang“ wurden sogar Lebensmittel von Freiluftzelle zu Freiluftzelle ausgetauscht.

Foto aus dem Internet: „Frischluft-Zellen“ in Stasi-Untersuchungshaft Dresden

Von den anderen Häftlingen erfuhr ich über den Tagesablauf hier im Knast‚ von den Möglichkeiten, Lebensmittel noch dazu zukaufen, Zeitungen zu bestellen und wann Briefe geschrieben werden durften. Die Posten redeten kaum ein Wort mit den Häftlingen und auch mein Vernehmer sagte von allein nichts über diese Möglichkeiten. In den nachfolgenden Vernehmungen jedoch konnte ich jetzt bei ihm direkt auf solche Fragen zusteuern und er musste mir konkrete Antworten geben. 

Am Sonntagabend, ich hatte kurz vorher gerade mit Christoph gesprochen, kam plötzlich der Posten, ließ mich meine Decke, mein Waschzeug und mein Besteck nehmen, und ich musste damit aus der Zelle heraustreten. Jetzt‚ so dachte ich mir, würde ich bestimmt mit einem anderen Häftling zusammengeschlossen werden. Vom Posten wurde ich bis zum 2. Stock heraufgeführt und dort in der Zelle, die genau zwei Stockwerke über meiner vorigen Zelle war, eingeschlossen. Es war die Zelle 37, in der ich dann die ganze U-Haft-Zeit verbrachte. Dem Getrappel auf den Gängen entnahm ich, dass noch andere Häftlinge verlegt wurden. In meine Zelle  kam jedoch keiner mehr rein.

Bald darauf war wieder die Klo-Verbindung hergestellt und andere Häftlinge meldeten sich an der Leitung. Aus der Zelle unter mir meldeten sich Robert und Raimund, die beide auch wegen „Republikflucht“ saßen, und neben mir lernte ich Janosch kennen, der wie ich von Fluchthelfern in den Westen rüber geholt werden sollte. Janosch hatte in der kommenden Woche seinen Prozess und er wurde zu 2 Jahren und 6 Monaten verurteilt. Als ich das erfuhr, war ich total erstaunt, denn ich hatte ja mit einem ähnlichen Urteil zu rechnen. Sollte ich etwa auch so viel bekommen? Aber Robert und Raimund sprachen wir wieder Mut zu, indem sie meinten‚ Janosch hätte so eine hohe Strafe nur wegen seines Arztberufes erhalten; Ärzte würden im Allgemeinen bei „Republikflucht“ höhere Strafen bekommen als andere. 

Mit Robert und Raimund habe ich viel gesprochen und wir verstanden uns ganz gut. Zwischen uns hatte sich bald‚ obwohl wir uns nie gesehen hatten, eine Art Freundschaft entwickelt. Wir unterhielten uns über fast Alles. Natürlich standen Themen, wie Knast, Westen, oder was wir vorher draußen getrieben hatten, im Vordergrund. Mit Raimund konnte ich mich viel über die westliche Pop-Musik unterhalten‚ er hatte sich draußen, wie ich, sehr dafür interessiert. 

Mit einem Nagel, der in meiner Zelle versteckt war, kratzte ich mir auf einer Pritsche, wo es der Posten nicht sehen konnte‚ ein Schachbrett ein‚ und aus Brot und Zahnpaste wurden die Schachfiguren gebaut. Reiner hatte sich auch ein Schachspiel gebastelt, und so spielten wir durchs Klo Fernschach.

Foto aus dem Internet: Schachfiguren aus Brot

Zum Lesen gab es nur sehr wenig, pro Woche ein Buch, manchmal mit ungefähr 300 Seiten, manchmal mehr, manchmal weniger. Die Bücher waren nicht viel wert. Meist handelten sie vom “Antifaschistischen Widerstand” oder es war langweilige sowjetische  Literatur. Alltags bekam ich auch das „Neue Deutschland”, die offizielle Zeitung mit herausgeschnittenen Artikeln, die wir nicht lesen sollten. Trotzdem konnte man noch einigermaßen mitbekommen, was draußen los war.

Jetzt hatte ich auch fast täglich Vernehmungen und ich wurde mit Fragen gelöchert: Wie war das und das? Schildern Sie den und den Tag noch mal genau. Wie sah die und die Person aus? Wer wusste von meiner geplanten Flucht? usw. Ich war heilfroh darüber, dass ich keinem draußen von meiner geplanten Flucht erzählt hatte. Meine Freunde würde man bestimmt auch vernehmen, und wenn deren Aussagen nicht genau mit meinen übereinstimmten, würden die Stasi-Leute sicher misstrauisch wer- den. So konnte ich aber mit ruhigem Gewissen dabeibleiben, dass meine Freunde nichts von der Flucht gewusst hatten.

Inzwischen meldete sich aber wieder eine andere Sorge: Hoffentlich, so dachte ich, locken die Stasi-Leute nicht Regina rüber in den Osten. Denn Regina konnte sich hier als „Fluchthelfer“ auf was gefasst machen. Zu gerne hätte mein Vernehmer von mir gehört, dass Regina mich in den Westen gelockt hatte und sie mich eigentlich zur Flucht überredete, doch das konnte ich nicht sagen. Ich musste unbedingt bei meinen Aussagen einkalkulieren, dass Regina auch hier in der U-Haft saß, und so durfte ich sie nur so wenig wie möglich belasten.

Wie ein Schwerverbrecher kam ich mir vor, als eines Tages meine sämtlichen Finger- und Handabdrücke genommen wurden, mein Körper nach besonderen Kennzeichen abgesucht wurde, und man mich von allen Seiten fotografierte.

Bei den Klo-Gesprächen mit Robert und Raimund machten die Beiden einmal Andeutungen, dass manche Häftlinge auch in den Westen abgeschoben werden, wenn sie ihre Strafe noch gar nicht voll abgesessen hatten. Das war etwas völlig Neues für mich und ich wollte wissen, wie man sich dazu verhalten muss. Doch Konkretes wussten die Beiden auch nicht, oder wollten sie mir nicht sagen. Ich entnahm dem Gespräch nur, dass diese Ausweisungsangelegenheit mit einem Rechtsanwalt aus Berlin zu tun hätte, mehr konnte ich nicht erfahren.  

An meine Eltern schrieb ich nach ungefähr zwei Wochen den ersten Brief und darin bat ich sie gleich, mir einen Rechtsanwalt zu besorgen und auch eine Besuchsgenehmigung zu beantragen. Von dem Besuch erhoffte ich mir, dass ich den Eltern dann Andeutungen über die Ausweisung und diesen Rechtsanwalt machen konnte, so dass auch für mich die Sache vielleicht eingeleitet würde.

Erneute Hoffnung

Erstaunt war ich dann im Dezember, als ich plötzlich von einem Berliner Rechtsanwalt, einem Dr. Vogel, angeschrieben wurde, und er mir mitteilte, dass er im Auftrag meines Vaters meinen Fall übernimmt. Wie kam denn mein Vater plötzlich zu einem Berliner Rechtsanwalt, wunderte ich mich.

Völlig ahnungslos erzählte ich Robert und Raimund von diesem Rechtsanwalt, und da rückten die Beiden mit der Sprache heraus. Dieser Rechtsanwalt Dr. Vogel sei genau der Rechtsanwalt, von dem sie schon mal gesprochen hatten und der für die Ausweisungen zuständig sei. Wer Dr. Vogel als Verteidiger hat, sei schon so gut wie im Westen! Für mich wäre jetzt alles gelaufen.

Vor Freude sprang ich in meiner Zelle auf und ab. Auch der Posten vor der Tür, der furchtbar tobte, weil er etwas vom Klo-Sprechen bemerkt hatte, das natürlich streng verboten war, konnte mich nicht mehr einschüchtern. So eine gute Nachricht bekommt man nicht alle Tage!

Doch gleich meldeten sich bei mir die Fragen: Woher kennen die Eltern diesen Dr. Vogel? In der DDR weiß doch gar keiner draußen von der Ausweisungsmöglichkeit. Wie hat mein Vater dann den Dr. Vogel für mich besorgt? Oder hat sich da mein Bruder Dieter aus dem Westen eingeschaltet? Aber wie sollte er denn so schnell von meiner Verhaftung erfahren haben?

Auch stellte sich bald die Sorge ein: Wird es bei mir wirklich mit der Ausweisung klappen? Zwar meinten Robert und Raimund, dass die Leute, die Dr. Vogel verteidigt, fast immer rübergekommen sind, doch warum sollte ich nicht einer der Wenigen sein, die doch hier im Osten bleiben müssen? Und woher wollten die Beiden das  überhaupt so genau wissen?

Wie musste ich mich jetzt verhalten, um rüber zu kommen? Bis jetzt hatte ich mich darauf eingestellt, nach Absitzen meiner Strafe wieder in der DDR anfangen zu müssen. Darum matte ich beim Vernehmer nicht selten beteuert, dass ich meine ”Straftat“ bereue und unbedingt wieder alles gut machen möchte. Musste ich jetzt genau ins Gegenteil umschlagen und dem Vernehmer kipp und klar sagen, dass ich nichts bereue und unbedingt weiter in den Westen will?

Doch auch in dieser Frage konnten mir Robert und Raimund Tipps geben. Nach ihrem Wissen hatte die Ausweisung überhaupt nichts damit zu tun, was ich hier in der Untersuchungshaft sage. Der Vernehmer und auch später der Richter wüssten nichts über die Ausweisung. Ich werde ganz normal verurteilt, doch dann später, im sogenannten Strafvollzug, würde ich plötzlich nach ungefähr der halben Haftzeit abgeholt werden und dann ginge es in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ rüber in den Westen. Im Strafvollzug  müsste ich allerdings bei Befragungen immer wieder klar zu erkennen geben, dass ich weiterhin rüber will. Jetzt jedoch sollte ich, damit das Urteil nicht zu hoch wird, bei meinem reuigen Verhalten bleiben.

Bei jeder Vernehmung stellte ich jetzt die Frage, warum ich immer noch in Einzelhaft sei. Auch Robert und Raimund wunderten sich  schon darüber, doch eine Erklärung wussten sie trotz ihrer monatelangen U-Haft-Erfahrung auch nicht. Mein Vernehmer hielt  mich aber immer wieder mit der Ausrede hin, dass im Augenblick kein „entsprechender Fall“ in der U-Haft sei, mit dem man mich zusammenschließen könne, und mit „irgendeinem Strauchdieb, das  würde ich ja sicher selber einsehen,“ wollte er mich nicht zusammenstecken. 

Außer von den Eltern bekam ich auch von meinen Freunden öfter Post. Jedoch wurden mir die meisten Briefe unterschlagen. Das merkte ich dann immer daran, wenn ich doch mal einen Brief von meinen Freunden erhielt, in dem sie irgendwie auf einen vorherigen Brief Bezug nahmen, und ich diesen Brief überhaupt noch nie gelesen hatte. Mein Vernemer sagte mir dazu nur, ich solle froh sein, überhaupt Post zu bekommen. Nach den Bestimmungen stehe mir nur ein Brief alle 10 Tage von den Eltern zu, sonst nichts.

Auch von meiner Freundin Sabine erhielt ich ab und zu einen Brief, und auch ich durfte, als “ganz besondere Gunst“ ihr schreiben. Als die Stasi-Leute nach einigen Briefen von Sabine aber merken mußten, dass sie wirklich nichts von meiner geplanten Flucht gewusst haben konnte, denn sie machte sich ganz naiv wieder Hoffnungen, dass ich bald wieder rauskommen würde, bekam ich plötzlich kein Zeichen mehr von ihr und ich durfte ihr auch nicht mehr schreiben.

Das Briefeschreiber war auch für mich nicht einfach, denn geschrieben werden musste in der Anwesenheit des Vernehmens, der den Brief dann auch noch mal durchlas. Wenn dann die kleinste Kleinigkeit darin stand, die ihm nicht passte, wurde mein Geschriebenes sofort zerrissen, und als „letzte Chance“ durfte ich noch mal schreiben. So kam es manchmal vor, dass ich zwei Mal an die Eltern schrieb und das jedes Mal beanstandet zurückkam. Wenn ich dann zu erkennen gab, dass ich unter diesen Umständen auf das Briefeschreiben verzichtete, dann passte das dem Vernehmen aber auch nicht. Die Eltern würden sich, wenn keine Post mehr kam, sicher viel besser vorstellen können, wie es mir wirklich ging, als wenn ich irgendwelche Lob-Lügen schriebe. Der dritte Brief wurde dann genehmigt.

Die Briefe, die mir meine Eltern schrieben, erhielt ich vollständig. Nachdem sich jetzt der Rechtsanwalt Dr. Vogel bei mir gemeldet hatte, wartete ich sehnsüchtig auf eine Andeutung in ihren Briefen, die mir sagte, dass auch für mich die Ausweisung beantragt war. Doch bis auf einen Brief, in dem mir mein Vater schrieb, „die Zeit läuft für dich“, kam nichts Ermunterndes.

Weihnachten 1971

Als ich mal wieder mit Robert Schach spielte, es war zwei Tage vor Weihnachten, hörte ich plötzlich im Treppenhaus eine Frau schreien. Robert rief mir schnell zu, dass das seine Frau sei, und Sekunden darauf trommelte er, unterstrichen mit lauten Fluchen, gegen seine Zellentür. Dann war im Treppenhaus lautes Stimmengewirr und Hin- und Her-Laufen zu hören, Roberts Zellentür wurde aufgeschlossen, und von dort drangen lautes Gepolter und Schreie bis hinauf in meine Zelle. An meiner Tür lauschend konnte ich noch hören, wie Robert von mehreren Posten in den Keller geschleppt wurde, wo sich die Arrestzellen befanden. Von diesem Tage an hörte ich in der U-Haft nichts mehr von Robert. Ich musste jetzt mit mir selber Schach spielen, denn es fand sich kein Gegner mehr.

Weihnachten war dann furchtbar langweilig. Während wir am Alltag 15 Minuten Rundgang in der Freiluftzelle hatten, gab es das an Sonn- und Feiertagen nicht, also auch nicht zu Weinachten. Dafür war aber das Essen besser, als an den anderen Tagen. Jetzt gab es sogar mal ein gebratenes Stück Bauchfleisch und am zweiten Weihnachtsfeiertag ein vermurkstes halbes Hühnchen. Auch zu Lesen hatte ich fast nichts, Weihnachten wurde ja, wie an den Sonntagen, keine Zeitung verteilt. Mein dünnes Buch hatte ich, trotz genauer

Einteilung für die ganze Woche, doch schon nach zwei Tagen ausgelesen. So musste ich mir die Zeit mit Selbst-Schach, Hin- und Her-Laufen und etwas Sport vertreiben. Auch auf die Pritsche konnte ich mich legen und dösen, denn zu Weihnachten waren sogar die Posten etwas milder gestimmt. Die meiste Zeit verbrachte ich aber mit Nachdenken. Was werden jetzt wohl meine Eltern in Molkenberg machen? Aus ihren Briefen hatte ich immer wieder herauslesen können, dass sie meine Verhaftung bald mehr mitgenommen hatte, als mich selber. Nachdem vor ein paar Jahren Dieter abgehauen war, hatten sie jetzt auch noch ihren letzten Sohn verloren. Aber hatten sie mich denn verloren? Würde ich denn überhaupt in den Westen abgeschoben werden? Hoffentlich hat mein Vater, oder vielleicht auch Dieter im Westen, meine Ausweisung beantragt! Und wenn ich dann erst mal offiziell im Westen bin, kann ich meine Eltern in ein paar Jahren doch bestimmt mal wieder besuchen. Auch im Osten hätte ich ja nicht ewig zu Hause bleiben können.

Auch über Sabine machte ich mir große Sorgen. In ihren Briefen, die ich ja anfangs noch bekam, versicherte sie mir immer wieder, dass sie auf mich warten würde. Jetzt hatte ich ein sehr schlechtes Gewissen, dass ich nicht schon draussen Schluss gemacht hatte oder dass ich ihr gleich nach der Verhaftung nichts davon schrieb. Wie konnte ich ihr zukommen lassen, dass sie auf keinen Fall auf mich warten soll? Im nächsten Brief an die Eltern schrieb ich ihnen, dass sie Sabine unbedingt meinen Entschluss mitteilen sollten. Besser wäre es ja gewesen, ich konnte Sabine noch mal selber sprechen, doch der Vernehmer lehnte das, als ich ihn darauf ansprach, sofort ab.

Albert machte mir auch große Sorgen. Er würde jetzt, als ehemaliger Freund eines „politischen Verbrechers“ in der Seminargruppe bestimmt nichts mehr zu lachen haben. Hoffentlich lassen die ihn wenigstens sein Studium abschließen! Als ich noch draußen war, sah seine Akte ja sowieso schon nicht gerade positiv aus, und die Bonzen aus der Seminargruppe hatten schon lange ein Auge auf ihn geworfen.

Besuch von meinem Vater

Eines Abends im Januar wurde ich plötzlich wieder aus der Zelle herausgeholt, aber diesmal wurde ich nicht nach oben, wo die Vernehmer-Zimmer lagen, sondern nach unten geschickt. Unten führte mich ein Posten dann durch mehrere Gänge, vergitterte Schleusen, schaltete an verschiedenen Alarmanlagen herum, und dann wurde ich in ein Zimmer geführt. Rechts stand mein Vernehmer und hinter einem Tisch saß – ich traute meinen Augen nicht – mein Vater. Vor Aufregung, denn ich hatte immerhin schon zwei Monate Einzelhaft hinter mir, bekam ich kaum noch ein Wort heraus. Doch nachdem mein Vater eine ganze Zeit von zu Hause und meinen Bekannten erzählt hatte, fing ich mich auch wieder. Gleich bei der Begrüßung hatte er mir zugeflüstert – der Vernehmer war ja während des ganzen Besuches auch im Zimmer – , dass ich mir keine Sorgen machen brauche, alles würde für mich gut werden. Was meinte er damit? Hieß das, dass die Ausweisung für mich klar geht? Aber warum fragte er mich dann, wie ich mir meine Zukunft nach der Haft vorstellte?

In meiner Zelle hatte ich mir schon öfter darüber Gedanken gemacht, wie ich bei einem eventuellen Besuch meiner Eltern ihnen mitteilen konnte, dass ich auf jeden Fall weiterhin rüber in den Westen will und sie alles Nötige veranlassen können. Dabei fiel mir ein, dass ich mit Albert schon vor längerer Zeit mal einen Code ausgemacht hatte. Wir hatten uns geeinigt: Wenn jemals einer von uns beiden im Westen sein sollte und etwas an der Hand hatte, den anderen nachzuholen, oder wenn umgekehrt der im Osten gebliebene dem im Westen mitteilen wollte, dass er unbedingt rüber will, dann sollte die Rede von „roten Cord-Jeans“ sein. Wenn also zum Beispiel ich irgendwann mal drüben die Möglichkeit hatte, Albert in den Westen nachzuholen, würde ich ihm schreiben, ich hätte “rote Cord-Jeans“ für ihn. Dem Gespräch von meinem Vater entnahm ich, dass er sich darüber nicht völlig im Klaren war, dass ich unbedingt rüber in den Westen will, denn er sprach sogar schon von einer Arbeitsstelle für mich später. Um jetzt also meinem Vater meinen Wunsch klar zu machen, sagte ich zu ihm:

„Frage doch mal Albert, was mit meinen roten Cord-Jeans los ist. Ich möchte die nämlich unbedingt behalten.“

„Was ist denn mit diesen Cord-Hosen?“

„Die habe ich weggegeben, aber Albert wird schon wissen, wo sie sind.“

Dann war die auf 30 Minuten begrenzte Sprechzeit auch schon wieder vorüber, der Vernehmer machte uns darauf aufmerksam, dass wir uns verabschieden sollten, rief den Posten, und ich wurde wieder abgeführt. Hoffentlich, so dachte ich in der Zelle, wird mein Vater mich verstehen, nachdem er Albert über die “Cord-Jeans“ befragt hat, und mir im nächsten Brief eine entsprechende positive Nachricht zukommen lassen.

Auch weiterhin blieb ich in Einzelhaft. Mein Vernehmer, den ich bei jeder Vernehmung, die auch jetzt noch ungefähr jeden zweiten Tag waren, nach dem Grund dafür befragte, gab jedes Mal die gleiche Antwort:

„Wir haben keinen entsprechenden Fall, den wir mit Ihnen zusammenschließen können. Sie werden doch verstehen, dass wir Sie nicht zu irgendeinem Strauchdieb reinstecken können. Und außerdem seien Sie doch froh darüber, dass Sie allein sind. Stellen Sie sich mal vor, Sie kommen mit einem Kettenraucher zusammen. Der verpestet Ihnen nur die Luft, und jetzt haben Sie die ganze Zelle für sich allein.“

„Kann ich dann also hoffen, dass ich doch noch mit jemand zusammenkomme?“

„Aber selbstverständlich. So wie wir einen entsprechenden Fall hier haben, kommen sie zu ihm in eine Zelle.“

Gern hätte ich jedoch auch einen Kettenraucher in Kauf genommen, wenn ich dafür Jemanden gehabt hätte, mit dem ich mich unterhalten konnte. So blieb mir jedoch in meiner Zelle nichts weiter als Hin- und Her-Laufen, Sitzen und Dösen, ab und zu mal Lesen und wenige Minuten am Tag durchs Klo mit Raimund, der immer noch in der Zelle unter mir saß, zu sprechen. Unsere Gespräche wurden jetzt auch immer knapper, denn keiner von uns Beiden erlebte was dazu, und die Themen, über die wir am Anfang noch diskutieren konnten, waren jetzt langsam erschöpft. Auch hatte ich keine Lust, mich mit den Posten herum zu ärgern, die mich ständig durch das Loch in der Tür, dem „Spion“, beobachteten, und die dann, wenn sie mich beim Klo-Sprechen erwischten, furchtbar tobten und mit Arrest drohten. Mein Schachspiel hatte inzwischen ein Posten in meiner Zelle zwischen den Matratzen gefunden, als ich beim Vernehmer war, und es mir weggenommen. Aber darüber ärgerte ich mich nicht, denn mit der Zeit wurde mir das Selbst-Schach-Spielen auch langweilig und ich holte es kaum noch aus dem Versteck hervor.  Auch mit Sporttreiben lockerte ich mir den Tagesablauf auf und etwas Bewegung musste ich mir ja in der kleinen Zelle schaffen. Ich hatte mir ein kleines Programm aufgestellt, das Liegestützen, Kniebeugen, Hock-Und-Streck-Springen, Wasserkanne stemmen, Pritsche rauf und runter Klettern und noch andere Lockerungsübungen enthielt.

Anklage als Menschenhändler

Als ich wieder mal zur Vernehmung geholt wurde, legte mir mein Vernehmer ein Schreiben auf den Tisch, das ich unterzeichnen sollte….

Fortsezung folgt

Hier geht es zum Teil 1Teil 2Teil 3Teil 4 und Teil 5.


1 Kommentar

  1. palina sagt:

    mit großer Spannung verfolge ich diese Geschichte.

    Der Rechtsanwalt Vogel ist mir noch in dunkler Erinnerung.
    Hatte da aber nie recherchiert.

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