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Stefan Siegert: Fast bricht der Ton / Patricia Kopatchinskaja, Erneuerin des Geigenspiels

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– Montag, 17. August 2015, Nr. 18Aus: Ausgabe vom 17.08.2015, Seite 10 / Feuilleton

Fast bricht der Ton

Porträt von Patricia Kopatchinskaja, einer Erneuerin des Geigenspiels

Von Stefan Siegert
Anarchische Musikalität: Kopatchinskaja
Anarchische Musikalität: Kopatchinskaja

Früher dachte ich, »Springinsfeld«, das wäre ein altmodisches Witzwort oder der elterliche Scherz über ein besonders lebendiges Kind. Aber es gibt einen Wikipedia-Eintrag, in dem von leichtfertigen, gar übermütigen Menschen die Rede ist. Den Springinsfeld gab’s schon im 16. Jahrhundert, später taucht er im »Simplizissimus« auf. Man erfährt in den Wörterbüchern nur sympathische Dinge, sieht ihn nachgerade vor sich. Beim ersten Hören der 2009 erschienenen CD, auf der Patricia Kopatchinskaja Beethovens Violinkonzert D-Dur op. 61 interpretiert, fiel mir, als nach den drei sinfonischen Einleitungsminuten ihre Geige einsetzt und auch später immer wieder das Wort »Springinsfeld« ein.

In der Fachprache meint Spiccato den auf den Saiten springenden Bogen, wenn die Töne nur extrem kurz und spitz anklingen sollen. Vielleicht kam die Assoziation »Springinsfeld« daher, dass Kopatchinskajas Bogen im Spiccato besonders munter, schnell, zugleich messerscharf akzentuiert und wunderschön kratzig springt. Dabei scheinen ihre Finger selbst im höchsten Tempo jede Bogenbewegung vollends nachzuvollziehen. Diese Geigerin gibt der Musik noch in der Schnelligkeit minimale Verschiebungen der Betonung mit. So präzise ausgeführt, so sinnvoll und scheinbar sorglos kalkuliert hat man das nie zuvor gehört in diesem Werk Beethovens, das zu den meistgespielten Klassikstücken überhaupt zählt.

Schnell hatte Kopatchinskaja, Jahrgang 1977, den Ruf einer Supertechnikerin weg. Aber anders als das Gros ihrer Kolleginnen, die ihre Hochglanzvirtuosität auf den Podien der Klassik von heute mit standardisierten Interpretationen in gepflegte Langeweile überführen, sorgt Kopatchinskajas anarchische Musikalität selbst in zirzensischen Momenten für Abenteuer des Hörens. Dabei bewahren atemberaubende Ausflüge in Grenzbereiche der Virtuosität wie die Kadenz zum Ersten Satz des Beethoven-Konzerts bei allem Spaß am Herzeigen eines großen Könnens den Ernst harter Arbeit.

Im Larghetto wird sehr deutlich, dass sie etwas zu sagen hat. Auf eine sie bisweilen vielleicht selbst überraschend andere Weise als geplant. Ihre Phrasierungen und Verzierungen wirken nicht selten wie in dem Augenblick erfunden, in dem sie gespielt werden, spontan, ja gewagt.

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Der Ton in Beethovens großem Gesang getroster Einsamkeit braucht, um Raum zu entwickeln, bei Kopatchinskaja über weite Strecken kein Vibrato; er verzichtet auf äußeren Glanz, leuchtet spröde von innen, lebt aus dem Schatten. Die Geige wird immer leiser je dringlicher das Herz pocht, fast bricht der Ton, die Wirkung könnte kaum stärker sein.

Wie gut sie die andere große Erneuerin des Geigenspiels kennt? Kopatchinskaja geht in letzter Zeit ähnliche Wege wie Isabelle Faust. Weg von Anbetern der Spontaneität wie dem türkischen Pianisten Fazil Say, mit dem die in der Moldawischen SSR geborene, stets barfüßig auftretende Wahlschweizerin eine recht krause Interpretation von Beethovens Kreutzersonate eingespielt hat.

Im russischen Perm wirkte sie 2014 bei Mahlers 3. Sinfonie am Konzertmeisterpult in Teodor Currentzis’ formidablem Orchester MusicAeterna mit. Wenn die beteiligten Plattenfirmen sich denn endlich einigten, wären gemeinsame Produktionen Kopatchinskajas mit Currentzis möglich, ein Dirigent, der in seiner strukturellen Aversion gegen ausgetretene Pfade Kopatchinskaja freudig entgegenkommt. Mit ihm würde sie Mozart entdecken können, mit dem sie bislang nichts anzufangen wusste. Sie könnte Brahms’ Sonaten spielen lernen wie von Brahms geschrieben und, nach eigener Auskunft, nicht wie bisher so, »als hätte sie Debussy komponiert«. Und sie wüsste Mendelssohns Konzert, das ihr bislang »zu viel Oberkörper« hat, »zu wenig tierisch« ist, Seiten abzugewinnen, die uns Zuhörer sicher sehr freuen würden.

Im dritten Satz des Beethoven-Konzerts springt der Bogen, Kopatchinskaja verzögert das Tempo auf engstem Raum und lässt dann fast unmerklich jubelnd die Zügel schießen. Ein Springinsfeld wird erwachsen. Mit Glück geschieht das auf Wegen, die es möglich machen, lebendig, ja vielleicht sogar ein Springinsfeld zu bleiben.


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